Page - 863 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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VII
Wenn es wirklich ein so allgemeiner Charakter der Triebe ist, daß sie einen früheren Zustand
wiederherstellen wollen, so dürfen wir uns nicht darüber verwundern, daß im Seelenleben so
viele Vorgänge sich unabhängig vom Lustprinzip vollziehen. Dieser Charakter würde sich jedem
Partialtrieb mitteilen und sich in seinem Falle auf die Wiedererreichung einer bestimmten Station
des Entwicklungsweges beziehen. Aber all dies, worüber das Lustprinzip noch keine Macht
bekommen hat, brauchte darum noch nicht im Gegensatz zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist
noch ungelöst, das Verhältnis der triebhaften Wiederholungsvorgänge zur Herrschaft des
Lustprinzips zu bestimmen.
Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten Funktionen des seelischen Apparates
erkannt, die anlangenden Triebregungen zu »binden«, den in ihnen herrschenden Primärvorgang
durch den Sekundärvorgang zu ersetzen, ihre frei bewegliche Besetzungsenergie in vorwiegend
ruhende (tonische) Besetzung umzuwandeln. Während dieser Umsetzung kann auf die
Entwicklung von Unlust nicht Rücksicht genommen werden, allein das Lustprinzip wird dadurch
nicht aufgehoben. Die Umsetzung geschieht vielmehr im Dienste des Lustprinzips; die Bindung
ist ein vorbereitender Akt, der die Herrschaft des Lustprinzips einleitet und sichert.
Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer voneinander, als wir es bisher getan haben. Das
Lustprinzip ist dann eine Tendenz, welche im Dienste einer Funktion steht, der es zufällt, den
seelischen Apparat überhaupt erregungslos zu machen oder den Betrag der Erregung in ihm
konstant oder möglichst niedrig zu erhalten. Wir können uns noch für keine dieser Fassungen
sicher entscheiden, aber wir merken, daß die so bestimmte Funktion Anteil hätte an dem
allgemeinsten Streben alles Lebenden, zur Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren. Wir
haben alle erfahren, daß die größte uns erreichbare Lust, die des Sexualaktes, mit dem
momentanen Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung verbunden ist. Die Bindung der
Triebregung wäre aber eine vorbereitende Funktion, welche die Erregung für ihre endgültige
Erledigung in der Abfuhrlust zurichten soll.
Aus demselben Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob die Lust- und Unlustempfindungen
von den gebundenen wie von den ungebundenen Erregungsvorgängen in gleicher Weise erzeugt
werden können. Da erscheint es denn ganz unzweifelhaft, daß die ungebundenen, die
Primärvorgänge, weit intensivere Empfindungen nach beiden Richtungen ergeben als die
gebundenen, die des Sekundärvorganges. Die Primärvorgänge sind auch die zeitlich früheren, zu
Anfang des Seelenlebens gibt es keine anderen, und wir können schließen, wenn das Lustprinzip
nicht schon bei ihnen in Wirksamkeit wäre, könnte es sich überhaupt für die späteren nicht
herstellen. Wir kommen so zu dem im Grunde nicht einfachen Ergebnis, daß das Luststreben zu
Anfang des seelischen Lebens sich weit intensiver äußert als späterhin, aber nicht so
uneingeschränkt; es muß sich häufige Durchbrüche gefallen lassen. In reiferen Zeiten ist die
Herrschaft des Lustprinzips sehr viel mehr gesichert, aber dieses selbst ist der Bändigung
sowenig entgangen wie die anderen Triebe überhaupt. Jedenfalls muß das, was am
Erregungsvorgange die Empfindungen von Lust und Unlust entstehen läßt, beim
Sekundärvorgang ebenso vorhanden sein wie beim Primärvorgang.
Hier wäre die Stelle, mit weiteren Studien einzusetzen. Unser Bewußtsein vermittelt uns von
innen her nicht nur die Empfindungen von Lust und Unlust, sondern auch von einer
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin