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II Das Ich und das Es
Die pathologische Forschung hat unser Interesse allzu ausschließlich auf das Verdrängte
gerichtet. Wir möchten mehr vom Ich erfahren, seitdem wir wissen, daß auch das Ich unbewußt
im eigentlichen Sinne sein kann. Unser einziger Anhalt während unserer Untersuchungen war
bisher das Kennzeichen des Bewußt- oder Unbewußtseins; zuletzt haben wir gesehen, wie
vieldeutig dies sein kann.
Nun ist all unser Wissen immer an das Bewußtsein gebunden. Auch das Ubw können wir nur
dadurch kennenlernen, daß wir es bewußtmachen. Aber halt, wie ist das möglich? Was heißt:
etwas bewußtmachen? Wie kann das vor sich gehen?
Wir wissen schon, wo wir hiefür anzuknüpfen haben. Wir haben gesagt, das Bewußtsein ist die
Oberfläche des seelischen Apparates, das heißt, wir haben es einem System als Funktion
zugeschrieben, welches räumlich das erste von der Außenwelt her ist. Räumlich übrigens nicht
nur im Sinne der Funktion, sondern diesmal auch im Sinne der anatomischen Zergliederung[75].
Auch unser Forschen muß diese wahrnehmende Oberfläche zum Ausgang nehmen.
Von vornherein bw sind alle Wahrnehmungen, die von außen herankommen
(Sinneswahrnehmungen), und von innen her, was wir Empfindungen und Gefühle heißen. Wie
aber ist es mit jenen inneren Vorgängen, die wir etwa – roh und ungenau – als Denkvorgänge
zusammenfassen können? Kommen sie, die sich irgendwo im Innern des Apparates als
Verschiebungen seelischer Energie auf dem Wege zur Handlung vollziehen, an die Oberfläche,
die das Bewußtsein entstehen läßt, heran? Oder kommt das Bewußtsein zu ihnen? Wir merken,
das ist eine von den Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man mit der räumlichen, topischen
Vorstellung des seelischen Geschehens Ernst machen will. Beide Möglichkeiten sind gleich
unausdenkbar, es müßte etwas Drittes der Fall sein.
An einer anderen Stelle[76] habe ich schon die Annahme gemacht, daß der wirkliche Unterschied
einer ubw von einer vbw Vorstellung (einem Gedanken) darin besteht, daß die erstere sich an
irgendwelchem Material, das unerkannt bleibt, vollzieht, während bei der letzteren (der vbw) die
Verbindung mit Wortvorstellungen hinzukommt. Hier ist zuerst der Versuch gemacht, für die
beiden Systeme Vbw und Ubw Kennzeichen anzugeben, die anders sind als die Beziehung zum
Bewußtsein. Die Frage: »Wie wird etwas bewußt?« lautet also zweckmäßiger: »Wie wird etwas
vorbewußt?« Und die Antwort wäre: »Durch Verbindung mit den entsprechenden
Wortvorstellungen.«
Diese Wortvorstellungen sind Erinnerungsreste, sie waren einmal Wahrnehmungen und können
wie alle Erinnerungsreste wieder bewußt werden. Ehe wir noch weiter von ihrer Natur handeln,
dämmert uns wie eine neue Einsicht auf: bewußt werden kann nur das, was schon einmal bw
Wahrnehmung war, und was außer Gefühlen von innen her bewußt werden will, muß versuchen,
sich in äußere Wahrnehmungen umzusetzen. Dies wird mittels der Erinnerungsspuren möglich.
Die Erinnerungsreste denken wir uns in Systemen enthalten, welche unmittelbar an das System
W-Bw anstoßen, so daß ihre Besetzungen sich leicht auf die Elemente dieses Systems von innen
her fortsetzen können. Man denkt hier sofort an die Halluzination und an die Tatsache, daß die
lebhafteste Erinnerung immer noch von der Halluzination wie von der äußeren Wahrnehmung
unterschieden wird, allein ebenso rasch stellt sich die Auskunft ein, daß bei der Wiederbelebung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin