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III Das Ich und das Über-Ich (Ichideal)
Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des Wahrnehmungssystems modifizierte Anteil des Es,
der Vertreter der realen Außenwelt im Seelischen, so hätten wir es mit einem einfachen
Sachverhalt zu tun. Allein es kommt etwas anderes hinzu.
Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe im Ich anzunehmen, eine Differenzierung
innerhalb des Ichs, die Ich-Ideal oder Über-Ich zu nennen ist, sind an anderen Orten
auseinandergesetzt worden. Sie bestehen zu Recht[79]. Daß dieses Stück des Ichs eine weniger
feste Beziehung zum Bewußtsein hat, ist die Neuheit, die nach Erklärung verlangt.
Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war uns gelungen, das schmerzhafte Leiden der
Melancholie durch die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes Objekt im Ich
wiederaufgerichtet, also eine Objektbesetzung durch eine Identifizierung abgelöst wird[80].
Damals erkannten wir aber noch nicht die ganze Bedeutung dieses Vorganges und wußten nicht,
wie häufig und typisch er ist. Wir haben seither verstanden, daß solche Ersetzung einen großen
Anteil an der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich dazu beiträgt, das herzustellen, was man
seinen Charakter heißt.
Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Individuums sind Objektbesetzung und
Identifizierung wohl nicht voneinander zu unterscheiden. Späterhin kann man nur annehmen, daß
die Objektbesetzungen vom Es ausgehen, welches die erotischen Strebungen als Bedürfnisse
empfindet. Das anfangs noch schwächliche Ich erhält von den Objektbesetzungen Kenntnis, läßt
sie sich gefallen oder sucht sie durch den Prozeß der Verdrängung abzuwehren[81].
Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben werden, so tritt dafür nicht selten die
Ichveränderung auf, die man als Aufrichtung des Objekts im Ich wie bei der Melancholie
beschreiben muß; die näheren Verhältnisse dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt.
Vielleicht erleichtert oder ermöglicht das Ich durch diese Introjektion, die eine Art von
Regression zum Mechanismus der oralen Phase ist, das Aufgeben des Objekts. Vielleicht ist diese
Identifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es seine Objekte aufgibt. Jedenfalls ist
der Vorgang zumal in frühen Entwicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die Auffassung
ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen
ist, die Geschichte dieser Objektwahlen enthält. Es ist natürlich von vorneherein eine Skala der
Resistenzfähigkeit zuzugeben, inwieweit der Charakter einer Person diese Einflüsse aus der
Geschichte der erotischen Objektwahlen abwehrt oder annimmt. Bei Frauen, die viel
Liebeserfahrungen gehabt haben, glaubt man, die Rückstände ihrer Objektbesetzungen in ihren
Charakterzügen leicht nachweisen zu können. Auch eine Gleichzeitigkeit von Objektbesetzung
und Identifizierung, also eine Charakterveränderung, ehe das Objekt aufgegeben worden ist,
kommt in Betracht. In diesem Fall könnte die Charakterveränderung die Objektbeziehung
überleben und sie in gewissem Sinne konservieren.
Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Umsetzung einer erotischen Objektwahl in eine
Ichveränderung auch ein Weg ist, wie das Ich das Es bemeistern und seine Beziehungen zu ihm
vertiefen kann, allerdings auf Kosten einer weitgehenden Gefügigkeit gegen dessen Erlebnisse.
Wenn das Ich die Züge des Objektes annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem Es als
Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu ersetzen, indem es sagt: »Sieh’, du kannst auch
mich lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin