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werden. An ihre Stelle kann zweierlei treten, entweder eine Identifizierung mit der Mutter oder
eine Verstärkung der Vateridentifizierung. Den letzteren Ausgang pflegen wir als den normaleren
anzusehen, er gestattet es, die zärtliche Beziehung zur Mutter in gewissem Maße festzuhalten.
Durch den Untergang des Ödipuskomplexes hätte so die Männlichkeit im Charakter des Knaben
eine Festigung erfahren. In ganz analoger Weise kann die Ödipuseinstellung des kleinen
Mädchens in eine Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung (oder in die Herstellung einer solchen)
auslaufen, die den weiblichen Charakter des Kindes festlegt.
Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer Erwartung, denn sie führen nicht das
aufgegebene Objekt ins Ich ein, aber auch dieser Ausgang kommt vor und ist bei Mädchen
leichter zu beobachten als bei Knaben. Man erfährt sehr häufig aus der Analyse, daß das kleine
Mädchen, nachdem es auf den Vater als Liebesobjekt verzichten mußte, nun seine Männlichkeit
hervorholt und sich anstatt mit der Mutter, mit dem Vater, also mit dem verlorenen Objekt,
identifiziert. Es kommt dabei offenbar darauf an, ob ihre männlichen Anlagen stark genug sind –
worin immer diese bestehen mögen.
Der Ausgang der Ödipussituation in Vater- oder in Mutteridentifizierung scheint also bei beiden
Geschlechtern von der relativen Stärke der beiden Geschlechtsanlagen abzuhängen. Dies ist die
eine Art, wie sich die Bisexualität in die Schicksale des Ödipuskomplexes einmengt. Die andere
ist noch bedeutsamer. Man gewinnt nämlich den Eindruck, daß der einfache Ödipuskomplex
überhaupt nicht das häufigste ist, sondern einer Vereinfachung oder Schematisierung entspricht,
die allerdings oft genug praktisch gerechtfertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt zumeist
den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der ein zweifacher ist, ein positiver und ein negativer,
abhängig von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes, d.
h. der Knabe hat nicht nur eine
ambivalente Einstellung zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für die Mutter, sondern er
benimmt sich auch gleichzeitig wie ein Mädchen, er zeigt die zärtliche feminine Einstellung zum
Vater und die ihr entsprechende eifersüchtig-feindselige gegen die Mutter. Dieses Eingreifen der
Bisexualität macht es so schwer, die Verhältnisse der primitiven Objektwahlen und
Identifizierungen zu durchschauen, und noch schwieriger, sie faßlich zu beschreiben. Es könnte
auch sein, daß die im Elternverhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus auf die Bisexualität zu
beziehen wäre und nicht, wie ich es vorhin dargestellt, durch die Rivalitätseinstellung aus der
Identifizierung entwickelt würde.
Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen und ganz besonders bei Neurotikern die Existenz
des vollständigen Ödipuskomplexes anzunehmen. Die analytische Erfahrung zeigt dann, daß bei
einer Anzahl von Fällen der eine oder der andere Bestandteil desselben bis auf kaum merkliche
Spuren schwindet, so daß sich eine Reihe ergibt, an deren einem Ende der normale, positive, an
deren anderem Ende der umgekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die Mittelglieder
die vollständige Form mit ungleicher Beteiligung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim
Untergang des Ödipuskomplexes werden die vier in ihm enthaltenen Strebungen sich derart
zusammenlegen, daß aus ihnen eine Vater- und eine Mutteridentifizierung hervorgeht, die
Vateridentifizierung wird das Mutterobjekt des positiven Komplexes festhalten und gleichzeitig
das Vaterobjekt des umgekehrten Komplexes ersetzen; Analoges wird für die
Mutteridentifizierung gelten. In der verschieden starken Ausprägung der beiden Identifizierungen
wird sich die Ungleichheit der beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln.
So kann man als allgemeinstes Ergebnis der vom Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase
einen Niederschlag im Ich annehmen, welcher in der Herstellung dieser beiden, irgendwie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin