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miteinander vereinbarten Identifizierungen besteht. Diese Ichveränderung behält ihre
Sonderstellung, sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als Ichideal oder Über-Ich entgegen.
Das Über-Ich ist aber nicht einfach ein Residuum der ersten Objektwahlen des Es, sondern es hat
auch die Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen dieselben. Seine Beziehung zum
Ich erschöpft sich nicht in der Mahnung: »So (wie der Vater) sollst du sein«, sie umfaßt auch das
Verbot: »So (wie der Vater) darfst du nicht sein, das heißt nicht alles tun, was er tut; manches
bleibt ihm vorbehalten.« Dies Doppelangesicht des Ichideals leitet sich aus der Tatsache ab, daß
das Ichideal zur Verdrängung des Ödipuskomplexes bemüht wurde, ja, diesem Umschwung erst
seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des Ödipuskomplexes ist offenbar keine leichte
Aufgabe gewesen. Da die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis gegen die
Verwirklichung der Ödipuswünsche erkannt werden, stärkte sich das infantile Ich für diese
Verdrängungsleistung, indem es dies selbe Hindernis in sich aufrichtete. Es lieh sich
gewissermaßen die Kraft dazu vom Vater aus, und diese Anleihe ist ein außerordentlich
folgenschwerer Akt. Das Über-Ich wird den Charakter des Vaters bewahren, und je stärker der
Ödipuskomplex war, je beschleunigter (unter dem Einfluß von Autorität, Religionslehre,
Unterricht, Lektüre) seine Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das Über-Ich als
Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuldgefühl über das Ich herrschen. – Woher es die Kraft
zu dieser Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter, der sich als kategorischer Imperativ
äußert, darüber werde ich später eine Vermutung vorbringen.
Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über-Ichs nochmals ins Auge, so erkennen wir es als
das Ergebnis zweier höchst bedeutsamer biologischer Faktoren, der langen kindlichen
Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Menschen und der Tatsache seines Ödipuskomplexes, den
wir ja auf die Unterbrechung der Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit auf den
zweizeitigen Ansatz seines Sexuallebens zurückgeführt haben. Letztere, wie es scheint, spezifisch
menschliche Eigentümlichkeit hat eine psychoanalytische Hypothese als Erbteil der durch die
Eiszeit erzwungenen Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit ist die Sonderung des Über-Ichs
vom Ich nichts Zufälliges, sie vertritt die bedeutsamsten Züge der individuellen und der
Artentwicklung, ja, indem sie dem Elterneinfluß einen dauernden Ausdruck schafft, verewigt sie
die Existenz der Momente, denen sie ihren Ursprung verdankt.
Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf gemacht worden, daß sie sich um das
Höhere, Moralische, Überpersönliche im Menschen nicht kümmere. Der Vorwurf war doppelt
ungerecht, historisch wie methodisch. Ersteres, da von Anbeginn an den moralischen und
ästhetischen Tendenzen im Ich der Antrieb zur Verdrängung zugeteilt wurde, letzteres, da man
nicht einsehen wollte, daß die psychoanalytische Forschung nicht wie ein philosophisches
System mit einem vollständigen und fertigen Lehrgebäude auftreten konnte, sondern sich den
Weg zum Verständnis der seelischen Komplikationen schrittweise durch die analytische
Zergliederung normaler wie abnormer Phänomene bahnen mußte. Wir brauchten die zitternde
Besorgnis um den Verbleib des Höheren im Menschen nicht zu teilen, solange wir uns mit dem
Studium des Verdrängten im Seelenleben zu beschäftigen hatten. Nun, da wir uns an die Analyse
des Ichs heranwagen, können wir all denen, welche, in ihrem sittlichen Bewußtsein erschüttert,
geklagt haben, es muß doch ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten: »Gewiß, und
dies ist das höhere Wesen, das Ichideal oder Über-Ich, die Repräsentanz unserer Elternbeziehung.
Als kleine Kinder haben wir diese höheren Wesen gekannt, bewundert, gefürchtet, später sie in
uns selbst aufgenommen.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin