Page - 882 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Phylogenese leistet und auf sie nicht anwendbar ist?
Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten beantworten läßt. Die Differenzierung von Ich
und Es müssen wir nicht nur den primitiven Menschen, sondern noch viel einfacheren Lebewesen
zuerkennen, da sie der notwendige Ausdruck des Einflusses der Außenwelt ist. Das Über-Ich
ließen wir gerade aus jenen Erlebnissen, die zum Totemismus führten, entstehen. Die Frage, ob
das Ich oder das Es jene Erfahrungen und Erwerbungen gemacht haben, fällt bald in sich
zusammen. Die nächste Erwägung sagt uns, daß das Es kein äußeres Schicksal erleben oder
erfahren kann außer durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm vertritt. Von einer direkten
Vererbung im Ich kann man aber doch nicht reden. Hier tut sich die Kluft auf zwischen dem
realen Individuum und dem Begriff der Art. Auch darf man den Unterschied von Ich und Es nicht
zu starr nehmen, nicht vergessen, daß das Ich ein besonders differenzierter Anteil des Es ist. Die
Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die Erbschaft verlorenzugehen, wenn sie sich aber
häufig und stark genug bei vielen generationsweise aufeinanderfolgenden Individuen
wiederholen, setzen sie sich sozusagen in Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke durch
Vererbung festgehalten werden. Somit beherbergt das erbliche Es in sich die Reste ungezählt
vieler Ich-Existenzen, und wenn das Ich sein Über-Ich aus dem Es schöpft, bringt es vielleicht
nur ältere Ichgestaltungen wieder zum Vorschein, schafft ihnen eine Auferstehung.
Die Entstehungsgeschichte des Über-Ichs macht es verständlich, daß frühe Konflikte des Ichs mit
den Objektbesetzungen des Es sich in Konflikte mit deren Erben, dem Über-Ich, fortsetzen
können. Wenn dem Ich die Bewältigung des Ödipuskomplexes schlecht gelungen ist, wird dessen
dem Es entstammende Energiebesetzung in der Reaktionsbildung des Ichideals wieder zur
Wirkung kommen. Die ausgiebige Kommunikation dieses Ideals mit diesen ubw Triebregungen
wird das Rätsel lösen, daß das Ideal selbst zum großen Teil unbewußt, dem Ich unzugänglich
bleiben kann. Der Kampf, der in tieferen Schichten getobt hatte, durch rasche Sublimierung und
Identifizierung nicht zum Abschluß gekommen war, setzt sich nun wie auf dem Kaulbachschen
Gemälde der Hunnenschlacht in einer höheren Region fort.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin