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IV Die beiden Triebarten
Wir sagten bereits, wenn unsere Gliederung des seelischen Wesens in ein Es, ein Ich und ein
Über-Ich einen Fortschritt in unserer Einsicht bedeutet, so muß sie sich auch als Mittel zum
tieferen Verständnis und zur besseren Beschreibung der dynamischen Beziehungen im
Seelenleben erweisen. Wir haben uns auch bereits klargemacht, daß das Ich unter dem
besonderen Einfluß der Wahrnehmung steht und daß man im rohen sagen kann, die
Wahrnehmungen haben für das Ich dieselbe Bedeutung wie die Triebe für das Es. Dabei
unterliegt aber auch das Ich der Einwirkung der Triebe wie das Es, von dem es ja nur ein
besonders modifizierter Anteil ist.
Über die Triebe habe ich kürzlich (Jenseits des Lustprinzips) eine Anschauung entwickelt, die ich
hier festhalten und den weiteren Erörterungen zugrunde legen werde. Daß man zwei Triebarten
zu unterscheiden hat, von denen die eine, Sexualtriebe oder Eros, die bei weitem auffälligere und
der Kenntnis zugänglichere ist. Sie umfaßt nicht nur den eigentlichen ungehemmten Sexualtrieb
und die von ihm abgeleiteten zielgehemmten und sublimierten Triebregungen, sondern auch den
Selbsterhaltungstrieb, den wir dem Ich zuschreiben müssen und den wir zu Anfang der
analytischen Arbeit mit guten Gründen den sexuellen Objekttrieben gegenübergestellt hatten. Die
zweite Triebart aufzuzeigen bereitete uns Schwierigkeiten; endlich kamen wir darauf, den
Sadismus als Repräsentanten derselben anzusehen. Auf Grund theoretischer, durch die Biologie
gestützter Überlegungen supponierten wir einen Todestrieb, dem die Aufgabe gestellt ist, das
organische Lebende in den leblosen Zustand zurückzuführen, während der Eros das Ziel verfolgt,
das Leben durch immer weitergreifende Zusammenfassung der in Partikel zersprengten lebenden
Substanz zu komplizieren, natürlich es dabei zu erhalten. Beide Triebe benehmen sich dabei im
strengsten Sinne konservativ, indem sie die Wiederherstellung eines durch die Entstehung des
Lebens gestörten Zustandes anstreben. Die Entstehung des Lebens wäre also die Ursache des
Weiterlebens und gleichzeitig auch des Strebens nach dem Tode, das Leben selbst ein Kampf und
Kompromiß zwischen diesen beiden Strebungen. Die Frage nach der Herkunft des Lebens bliebe
eine kosmologische, die nach Zweck und Absicht des Lebens wäre dualistisch beantwortet.
Jeder dieser beiden Triebarten wäre ein besonderer physiologischer Prozeß (Aufbau und Zerfall)
zugeordnet, in jedem Stück lebender Substanz wären beiderlei Triebe tätig, aber doch in
ungleicher Mischung, so daß eine Substanz die Hauptvertretung des Eros übernehmen könnte.
In welcher Weise sich Triebe der beiden Arten miteinander verbinden, vermischen, legieren,
wäre noch ganz unvorstellbar; daß dies aber regelmäßig und in großem Ausmaß geschieht, ist
eine in unserem Zusammenhang unabweisbare Annahme. Infolge der Verbindung der einzelligen
Elementarorganismen zu mehrzelligen Lebewesen wäre es gelungen, den Todestrieb der
Einzelzelle zu neutralisieren und die destruktiven Regungen durch Vermittlung eines besonderen
Organs auf die Außenwelt abzuleiten. Dies Organ wäre die Muskulatur, und der Todestrieb
würde sich nun – wahrscheinlich doch nur teilweise – als Destruktionstrieb gegen die Außenwelt
und andere Lebewesen äußern.
Haben wir einmal die Vorstellung von einer Mischung der beiden Triebarten angenommen, so
drängt sich uns auch die Möglichkeit einer – mehr oder minder vollständigen – Entmischung
derselben auf. In der sadistischen Komponente des Sexualtriebes hätten wir ein klassisches
Beispiel einer zweckdienlichen Triebmischung vor uns, im selbständig gewordenen Sadismus als
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin