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V Die Abhängigkeiten des Ichs
Die Verschlungenheit des Stoffes mag entschuldigen, daß sich keine der Überschriften ganz mit
dem Inhalt der Kapitel deckt und daß wir immer wieder auf bereits Erledigtes zurückgreifen,
wenn wir neue Beziehungen studieren wollen.
So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich zum guten Teil aus Identifizierungen bildet,
welche aufgelassene Besetzungen des Es ablösen, daß die ersten dieser Identifizierungen sich
regelmäßig als besondere Instanz im Ich gebärden, sich als Über-Ich dem Ich entgegenstellen,
während das erstarkte Ich sich späterhin gegen solche Identifizierungseinflüsse resistenter
verhalten mag. Das Über-Ich verdankt seine besondere Stellung im Ich oder zum Ich einem
Moment, das von zwei Seiten her eingeschätzt werden soll, erstens, daß es die erste
Identifizierung ist, die vorfiel, solange das Ich noch schwach war, und zweitens, daß es der Erbe
des Ödipuskomplexes ist, also die großartigsten Objekte ins Ich einführte. Es verhält sich
gewissermaßen zu den späteren Ichveränderungen wie die primäre Sexualphase der Kindheit zum
späteren Sexualleben nach der Pubertät. Obwohl allen späteren Einflüssen zugänglich, behält es
doch zeitlebens den Charakter, der ihm durch seinen Ursprung aus dem Vaterkomplex verliehen
ist, nämlich die Fähigkeit, sich dem Ich entgegenzustellen und es zu meistern. Es ist das Denkmal
der einstigen Schwäche und Abhängigkeit des Ichs und setzt seine Herrschaft auch über das reife
Ich fort. Wie das Kind unter dem Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so unterwirft sich
das Ich dem kategorischen Imperativ seines Über-Ichs.
Die Abkunft von den ersten Objektbesetzungen des Es, also vom Ödipuskomplex, bedeutet aber
für das Über-Ich noch mehr. Sie bringt es, wie wir bereits ausgeführt haben, in Beziehung zu den
phylogenetischen Erwerbungen des Es und macht es zur Reinkarnation früherer Ichbildungen, die
ihre Niederschläge im Es hinterlassen haben. Somit steht das Über-Ich dem Es dauernd nahe und
kann dem Ich gegenüber dessen Vertretung führen. Es taucht tief ins Es ein, ist dafür entfernter
vom Bewußtsein als das Ich[88].
Diese Beziehungen würdigen wir am besten, wenn wir uns gewissen klinischen Tatsachen
zuwenden, die längst keine Neuheit sind, aber ihrer theoretischen Verarbeitung noch warten.
Es gibt Personen, die sich in der analytischen Arbeit ganz sonderbar benehmen. Wenn man ihnen
Hoffnung gibt und ihnen Zufriedenheit mit dem Stand der Behandlung zeigt, scheinen sie
unbefriedigt und verschlechtern regelmäßig ihr Befinden. Man hält das anfangs für Trotz und
Bemühen, dem Arzt ihre Überlegenheit zu bezeugen. Später kommt man zu einer tieferen und
gerechteren Auffassung. Man überzeugt sich nicht nur, daß diese Personen kein Lob und keine
Anerkennung vertragen, sondern daß sie auf die Fortschritte der Kur in verkehrter Weise
reagieren. Jede Partiallösung, die eine Besserung oder zeitweiliges Aussetzen der Symptome zur
Folge haben sollte und bei anderen auch hat, ruft bei ihnen eine momentane Verstärkung ihres
Leidens hervor, sie verschlimmern sich während der Behandlung, anstatt sich zu bessern. Sie
zeigen die sogenannte negative therapeutische Reaktion.
Kein Zweifel, daß sich bei ihnen etwas der Genesung widersetzt, daß deren Annäherung wie eine
Gefahr gefürchtet wird. Man sagt, bei diesen Personen hat nicht der Genesungswille, sondern das
Krankheitsbedürfnis die Oberhand. Analysiert man diesen Widerstand in gewohnter Weise, zieht
die Trotzeinstellung gegen den Arzt, die Fixierung an die Formen des Krankheitsgewinnes von
ihm ab, so bleibt doch das meiste noch bestehen, und dies erweist sich als das stärkste Hindernis
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin