Page - 889 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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der Wiederherstellung, stärker als die uns bereits bekannten der narzißtischen Unzugänglichkeit,
der negativen Einstellung gegen den Arzt und des Haftens am Krankheitsgewinne.
Man kommt endlich zur Einsicht, daß es sich um einen sozusagen »moralischen« Faktor handelt,
um ein Schuldgefühl, welches im Kranksein seine Befriedigung findet und auf die Strafe des
Leidens nicht verzichten will. An dieser wenig tröstlichen Aufklärung darf man endgültig
festhalten. Aber dies Schuldgefühl ist für den Kranken stumm, es sagt ihm nicht, daß er schuldig
ist, er fühlt sich nicht schuldig, sondern krank. Dies Schuldgefühl äußert sich nur als schwer
reduzierbarer Widerstand gegen die Herstellung. Es ist auch besonders schwierig, den Kranken
von diesem Motiv seines Krankbleibens zu überzeugen, er wird sich an die näherliegende
Erklärung halten, daß die analytische Kur nicht das richtige Mittel ist, ihm zu helfen[89].
Was hier beschrieben wurde, entspricht den extremsten Vorkommnissen, dürfte aber in
geringerem Ausmaß für sehr viele, vielleicht für alle schwereren Fälle von Neurose in Betracht
kommen. Ja, noch mehr, vielleicht ist es gerade dieser Faktor, das Verhalten des Ichideals, der
die Schwere einer neurotischen Erkrankung maßgebend bestimmt. Wir wollen darum einigen
weiteren Bemerkungen über die Äußerung des Schuldgefühls unter verschiedenen Bedingungen
nicht aus dem Wege gehen.
Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet der Deutung keine Schwierigkeiten, es
beruht auf der Spannung zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der Ausdruck einer
Verurteilung des Ichs durch seine kritische Instanz. Die bekannten Minderwertigkeitsgefühle der
Neurotiker dürften nicht weit davon abliegen. In zwei uns wohlvertrauten Affektionen ist das
Schuldgefühl überstark bewußt; das Ichideal zeigt dann eine besondere Strenge und wütet gegen
das Ich oft in grausamer Weise. Neben dieser Übereinstimmung ergeben sich bei den beiden
Zuständen, Zwangsneurose und Melancholie, Verschiedenheiten im Verhalten des Ichideals, die
nicht minder bedeutungsvoll sind.
Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen derselben) ist das Schuldgefühl überlaut, kann sich
aber vor dem Ich nicht rechtfertigen. Das Ich des Kranken sträubt sich daher gegen die
Zumutung, schuldig zu sein, und verlangt vom Arzt, in seiner Ablehnung dieser Schuldgefühle
bestärkt zu werden. Es wäre töricht, ihm nachzugeben, denn es bliebe erfolglos. Die Analyse
zeigt dann, daß das Über-Ich durch Vorgänge beeinflußt wird, welche dem Ich unbekannt
geblieben sind. Es lassen sich wirklich die verdrängten Impulse auffinden, welche das
Schuldgefühl begründen. Das Über-Ich hat hier mehr vom unbewußten Es gewußt als das Ich.
Noch stärker ist der Eindruck, daß das Über-Ich das Bewußtsein an sich gerissen hat, bei der
Melancholie. Aber hier wagt das Ich keinen Einspruch, es bekennt sich schuldig und unterwirft
sich den Strafen. Wir verstehen diesen Unterschied. Bei der Zwangsneurose handelte es sich um
anstößige Regungen, die außerhalb des Ichs geblieben sind; bei der Melancholie aber ist das
Objekt, dem der Zorn des Über-Ichs gilt, durch Identifizierung ins Ich aufgenommen worden.
Es ist gewiß nicht selbstverständlich, daß bei diesen beiden neurotischen Affektionen das
Schuldgefühl eine so außerordentliche Stärke erreicht, aber das Hauptproblem der Situation liegt
doch an anderer Stelle. Wir schieben seine Erörterung auf, bis wir die anderen Fälle behandelt
haben, in denen das Schuldgefühl unbewußt bleibt.
Dies ist doch wesentlich bei Hysterie und Zuständen vom hysterischen Typus zu finden. Der
Mechanismus des Unbewußtbleibens ist hier leicht zu erraten. Das hysterische Ich erwehrt sich
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin