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der peinlichen Wahrnehmung, die ihm von Seiten der Kritik seines Über-Ichs droht, in derselben
Weise, wie es sich sonst einer unerträglichen Objektbesetzung zu erwehren pflegt, durch einen
Akt der Verdrängung. Es liegt also am Ich, wenn das Schuldgefühl unbewußt bleibt. Wir wissen,
daß sonst das Ich die Verdrängungen im Dienst und Auftrag seines Über-Ichs vornimmt; hier ist
aber ein Fall, wo es sich derselben Waffe gegen seinen gestrengen Herrn bedient. Bei der
Zwangsneurose überwiegen bekanntlich die Phänomene der Reaktionsbildung; hier gelingt dem
Ich nur die Fernhaltung des Materials, auf welches sich das Schuldgefühl bezieht.
Man kann weitergehen und die Voraussetzung wagen, daß ein großes Stück des Schuldgefühls
normalerweise unbewußt sein müsse, weil die Entstehung des Gewissens innig an den
Ödipuskomplex geknüpft ist, welcher dem Unbewußten angehört. Würde jemand den paradoxen
Satz vertreten wollen, daß der normale Mensch nicht nur viel unmoralischer ist, als er glaubt,
sondern auch viel moralischer, als er weiß, so hätte die Psychoanalyse, auf deren Befunden die
erste Hälfte der Behauptung ruht, auch gegen die zweite Hälfte nichts einzuwenden[90].
Es war eine Überraschung zu finden, daß eine Steigerung dieses ubw Schuldgefühls den
Menschen zum Verbrecher machen kann. Aber es ist unzweifelhaft so. Es läßt sich bei vielen,
besonders jugendlichen Verbrechern ein mächtiges Schuldgefühl nachweisen, welches vor der
Tat bestand, also nicht deren Folge, sondern deren Motiv ist, als ob es als Erleichterung
empfunden würde, dies unbewußte Schuldgefühl an etwas Reales und Aktuelles knüpfen zu
können.
In all diesen Verhältnissen erweist das Über-Ich seine Unabhängigkeit vom bewußten Ich und
seine innigen Beziehungen zum unbewußten Es. Nun erhebt sich mit Rücksicht auf die
Bedeutung, die wir den vorbewußten Wortresten im Ich zugeschrieben haben, die Frage, ob das
Über-Ich, wenn es ubw ist, nicht aus solchen Wortvorstellungen, oder aus was sonst es besteht.
Die bescheidene Antwort wird lauten, daß das Über-Ich auch seine Herkunft aus Gehörtem
unmöglich verleugnen kann, es ist ja ein Teil des Ichs und bleibt von diesen Wortvorstellungen
(Begriffen, Abstraktionen) her dem Bewußtsein zugänglich, aber die Besetzungsenergie wird
diesen Inhalten des Über-Ichs nicht von der Hörwahrnehmung, dem Unterricht, der Lektüre,
sondern von den Quellen im Es zugeführt.
Die Frage, deren Beantwortung wir zurückgestellt hatten, lautet: Wie geht es zu, daß das
Über-Ich sich wesentlich als Schuldgefühl (besser: als Kritik; Schuldgefühl ist die dieser Kritik
entsprechende Wahrnehmung im Ich) äußert und dabei eine so außerordentliche Härte und
Strenge gegen das Ich entfaltet? Wenden wir uns zunächst zur Melancholie, so finden wir, daß
das überstarke Über-Ich, welches das Bewußtsein an sich gerissen hat, gegen das Ich mit
schonungsloser Heftigkeit wütet, als ob es sich des ganzen im Individuum verfügbaren Sadismus
bemächtigt hätte. Nach unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen, die destruktive
Komponente habe sich im Über-Ich abgelagert und gegen das Ich gewendet. Was nun im
Über-Ich herrscht, ist wie eine Reinkultur des Todestriebes, und wirklich gelingt es diesem oft
genug, das Ich in den Tod zu treiben, wenn das Ich sich nicht vorher durch den Umschlag in
Manie seines Tyrannen erwehrt.
Ähnlich peinlich und quälerisch sind die Gewissensvorwürfe bei bestimmten Formen der
Zwangsneurose, aber die Situation ist hier weniger durchsichtig. Es ist im Gegensatz zur
Melancholie bemerkenswert, daß der Zwangskranke eigentlich niemals den Schritt der
Selbsttötung macht, er ist wie immun gegen die Selbstmordgefahr, weit besser dagegen geschützt
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin