Page - 891 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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als der Hysteriker. Wir verstehen, es ist die Erhaltung des Objekts, die die Sicherheit des Ichs
verbürgt. Bei der Zwangsneurose ist es durch eine Regression zur prägenitalen Organisation
möglich geworden, daß die Liebesimpulse sich in Aggressionsimpulse gegen das Objekt
umsetzen. Wiederum ist der Destruktionstrieb frei geworden und will das Objekt vernichten, oder
es hat wenigstens den Anschein, als bestünde solche Absicht. Das Ich hat diese Tendenzen nicht
aufgenommen, es sträubt sich gegen sie mit Reaktionsbildungen und Vorsichtsmaßregeln; sie
verbleiben im Es. Das Über-Ich aber benimmt sich, als wäre das Ich für sie verantwortlich, und
zeigt uns gleichzeitig durch den Ernst, mit dem es diese Vernichtungsabsichten verfolgt, daß es
sich nicht um einen durch die Regression hervorgerufenen Anschein, sondern um wirklichen
Ersatz von Liebe durch Haß handelt. Nach beiden Seiten hilflos, wehrt sich das Ich vergeblich
gegen die Zumutungen des mörderischen Es wie gegen die Vorwürfe des strafenden Gewissens.
Es gelingt ihm, gerade die gröbsten Aktionen beider zu hemmen, das Ergebnis ist zunächst eine
endlose Selbstqual und in der weiteren Entwicklung eine systematische Quälerei des Objekts, wo
dies zugänglich ist.
Die gefährlichen Todestriebe werden im Individuum auf verschiedene Weise behandelt, teils
durch Mischung mit erotischen Komponenten unschädlich gemacht, teils als Aggression nach
außen abgelenkt, zum großen Teil setzen sie gewiß unbehindert ihre innere Arbeit fort. Wie
kommt es nun, daß bei der Melancholie das Über-Ich zu einer Art Sammelstätte der Todestriebe
werden kann?
Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der Moralität, kann man sagen: Das Es ist ganz
amoralisch, das Ich ist bemüht, moralisch zu sein, das Über-Ich kann hypermoralisch und dann so
grausam werden wie nur das Es. Es ist merkwürdig, daß der Mensch, je mehr er seine Aggression
nach außen einschränkt, desto strenger, also aggressiver in seinem Ichideal wird. Der
gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies umgekehrt, sie sieht in der Forderung des Ichideals das
Motiv für die Unterdrückung der Aggression. Die Tatsache bleibt aber, wie wir sie
ausgesprochen haben: Je mehr ein Mensch seine Aggression meistert, desto mehr steigert sich die
Aggressionsneigung seines Ideals gegen sein Ich. Es ist wie eine Verschiebung, eine Wendung
gegen das eigene Ich. Schon die gemeine, normale Moral hat den Charakter des hart
Einschränkenden, grausam Verbietenden. Daher stammt ja die Konzeption des unerbittlich
strafenden höheren Wesens.
Ich kann nun diese Verhältnisse nicht weiter erläutern, ohne eine neue Annahme einzuführen.
Das Über-Ich ist ja durch eine Identifizierung mit dem Vatervorbild entstanden. Jede solche
Identifizierung hat den Charakter einer Desexualisierung oder selbst Sublimierung. Es scheint
nun, daß bei einer solchen Umsetzung auch eine Triebentmischung stattfindet. Die erotische
Komponente hat nach der Sublimierung nicht mehr die Kraft, die ganze hinzugesetzte
Destruktion zu binden, und diese wird als Aggressions- und Destruktionsneigung frei. Aus dieser
Entmischung würde das Ideal überhaupt den harten, grausamen Zug des gebieterischen Sollens
beziehen.
Noch ein kurzes Verweilen bei der Zwangsneurose. Hier liegen die Verhältnisse anders. Die
Entmischung der Liebe zur Aggression ist nicht durch eine Leistung des Ichs zustande
gekommen, sondern die Folge einer Regression, die sich im Es vollzogen hat. Aber dieser
Vorgang hat vom Es auf das Über-Ich übergegriffen, welches nun seine Strenge gegen das
unschuldige Ich verschärft. In beiden Fällen würde aber das Ich, welches die Libido durch
Identifizierung bewältigt hat, dafür die Strafe durch die der Libido beigemengte Aggression vom
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin