Page - 892 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 892 -
Text of the Page - 892 -
Über-Ich her erleiden.
Unsere Vorstellungen vom Ich beginnen sich zu klären, seine verschiedenen Beziehungen an
Deutlichkeit zu gewinnen. Wir sehen das Ich jetzt in seiner Stärke und in seinen Schwächen. Es
ist mit wichtigen Funktionen betraut, kraft seiner Beziehung zum Wahrnehmungssystem stellt es
die zeitliche Anordnung der seelischen Vorgänge her und unterzieht dieselben der
Realitätsprüfung. Durch die Einschaltung der Denkvorgänge erzielt es einen Aufschub der
motorischen Entladungen und beherrscht die Zugänge zur Motilität. Letztere Herrschaft ist
allerdings mehr formal als faktisch, das Ich hat in der Beziehung zur Handlung etwa die Stellung
eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen Sanktion nichts Gesetz werden kann, der es sich
aber sehr überlegt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments sein Veto einlegt. Das Ich
bereichert sich bei allen Lebenserfahrungen von außen; das Es aber ist seine andere Außenwelt,
die es sich zu unterwerfen strebt. Es entzieht dem Es Libido, bildet die Objektbesetzungen des Es
zu Ichgestaltungen um. Mit Hilfe des Über-Ichs schöpft es in einer für uns noch dunklen Weise
aus den im Es angehäuften Erfahrungen der Vorzeit.
Es gibt zwei Wege, auf denen der Inhalt des Es ins Ich eindringen kann. Der eine ist der direkte,
der andere führt über das Ichideal, und es mag für manche seelische Tätigkeiten entscheidend
sein, auf welchem der beiden Wege sie erfolgen. Das Ich entwickelt sich von der
Triebwahrnehmung zur Triebbeherrschung, vom Triebgehorsam zur Triebhemmung. An dieser
Leistung hat das Ichideal, das ja zum Teil eine Reaktionsbildung gegen die Triebvorgänge des Es
ist, seinen starken Anteil. Die Psychoanalyse ist ein Werkzeug, welches dem Ich die
fortschreitende Eroberung des Es ermöglichen soll.
Aber anderseits sehen wir dasselbe Ich als armes Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten
steht und demzufolge unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet, von der Außenwelt her,
von der Libido des Es und von der Strenge des Über-Ichs. Dreierlei Arten von Angst entsprechen
diesen drei Gefahren, denn Angst ist der Ausdruck eines Rückzuges vor der Gefahr. Als
Grenzwesen will das Ich zwischen der Welt und dem Es vermitteln, das Es der Welt gefügig
machen und die Welt mittels seiner Muskelaktionen dem Es-Wunsch gerecht machen. Es
benimmt sich eigentlich wie der Arzt in einer analytischen Kur, indem es sich selbst mit seiner
Rücksichtnahme auf die reale Welt dem Es als Libidoobjekt empfiehlt und dessen Libido auf sich
lenken will. Es ist nicht nur der Helfer des Es, auch sein unterwürfiger Knecht, der um die Liebe
seines Herrn wirbt. Es sucht, wo möglich, im Einvernehmen mit dem Es zu bleiben, überzieht
dessen ubw Gebote mit seinen vbw Rationalisierungen, spiegelt den Gehorsam des Es gegen die
Mahnungen der Realität vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig geblieben ist, vertuscht die
Konflikte des Es mit der Realität und, wo möglich, auch die mit dem Über-Ich. In seiner
Mittelstellung zwischen Es und Realität unterliegt es nur zu oft der Versuchung, liebedienerisch,
opportunistisch und lügnerisch zu werden, etwa wie ein Staatsmann, der bei guter Einsicht sich
doch in der Gunst der öffentlichen Meinung behaupten will.
Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht unparteiisch. Durch seine Identifizierungs- und
Sublimierungsarbeit leistet es den Todestrieben im Es Beistand zur Bewältigung der Libido, gerät
aber dabei in Gefahr, zum Objekt der Todestriebe zu werden und selbst umzukommen. Es hat
sich zu Zwecken der Hilfeleistung selbst mit Libido erfüllen müssen, wird dadurch selbst
Vertreter des Eros und will nun leben und geliebt werden.
Da aber seine Sublimierungsarbeit eine Triebentmischung und Freiwerden der Aggressionstriebe
892
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin