Page - 896 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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In meiner kürzlich erschienenen Schrift Das Ich und das Es habe ich eine Gliederung des
seelischen Apparates angegeben, auf deren Grund sich eine Reihe von Beziehungen in einfacher
und übersichtlicher Weise darstellen läßt. In anderen Punkten, zum Beispiel was die Herkunft
und Rolle des Über-Ichs betrifft, bleibt genug des Dunkeln und Unerledigten. Man darf nun
fordern, daß eine solche Aufstellung sich auch für andere Dinge als brauchbar und förderlich
erweise, wäre es auch nur, um bereits Bekanntes in neuer Auffassung zu sehen, es anders zu
gruppieren und überzeugender zu beschreiben. Mit solcher Anwendung könnte auch eine
vorteilhafte Rückkehr von der grauen Theorie zur ewig grünenden Erfahrung verbunden sein.
Am genannten Orte sind die vielfältigen Abhängigkeiten des Ichs geschildert, seine
Mittelstellung zwischen Außenwelt und Es und sein Bestreben, all seinen Herren gleichzeitig zu
Willen zu sein. Im Zusammenhange eines von anderer Seite angeregten Gedankenganges, der
sich mit der Entstehung und Verhütung der Psychosen beschäftigte, ergab sich mir nun eine
einfache Formel, welche die vielleicht wichtigste genetische Differenz zwischen Neurose und
Psychose behandelt: die Neurose sei der Erfolg eines Konflikts zwischen dem Ich und seinem Es,
die Psychose aber der analoge Ausgang einer solchen Störung in den Beziehungen zwischen Ich
und Außenwelt.
Es ist sicherlich eine berechtigte Mahnung, daß man gegen so einfache Problemlösungen
mißtrauisch sein soll. Auch wird unsere äußerste Erwartung nicht weiter gehen, als daß diese
Formel sich im gröbsten als richtig erweise. Aber auch das wäre schon etwas. Man besinnt sich
auch sofort an eine ganze Reihe von Einsichten und Funden, welche unseren Satz zu bekräftigen
scheinen. Die Übertragungsneurosen entstehen nach dem Ergebnis aller unserer Analysen
dadurch, daß das Ich eine im Es mächtige Triebregung nicht aufnehmen und nicht zur
motorischen Erledigung befördern will oder ihr das Objekt bestreitet, auf das sie zielt. Das Ich
erwehrt sich ihrer dann durch den Mechanismus der Verdrängung; das Verdrängte sträubt sich
gegen dieses Schicksal, schafft sich auf Wegen, über die das Ich keine Macht hat, eine
Ersatzvertretung, die sich dem Ich auf dem Wege des Kompromisses aufdrängt, das Symptom;
das Ich findet seine Einheitlichkeit durch diesen Eindringling bedroht und geschädigt, setzt den
Kampf gegen das Symptom fort, wie es sich gegen die ursprüngliche Triebregung gewehrt hatte,
und dies alles ergibt das Bild der Neurose. Es ist kein Einwand, daß das Ich, wenn es die
Verdrängung vornimmt, im Grunde den Geboten seines Über-Ichs folgt, die wiederum solchen
Einflüssen der realen Außenwelt entstammen, welche im Über-Ich ihre Vertretung gefunden
haben. Es bleibt doch dabei, daß das Ich sich auf die Seite dieser Mächte geschlagen hat, daß in
ihm deren Anforderungen stärker sind als die Triebansprüche des Es und daß das Ich die Macht
ist, welche die Verdrängung gegen jenen Anteil des Es ins Werk setzt und durch die
Gegenbesetzung des Widerstandes befestigt. Im Dienste des Über-Ichs und der Realität ist das
Ich in Konflikt mit dem Es geraten, und dies ist der Sachverhalt bei allen Übertragungsneurosen.
Auf der anderen Seite wird es uns ebenso leicht, aus unserer bisherigen Einsicht in den
Mechanismus der Psychosen Beispiele anzuführen, welche auf die Störung des Verhältnisses
zwischen Ich und Außenwelt hinweisen. Bei der Amentia Meynerts, der akuten
halluzinatorischen Verworrenheit, der vielleicht extremsten und frappantesten Form von
Psychose, wird die Außenwelt entweder gar nicht wahrgenommen, oder ihre Wahrnehmung
bleibt völlig unwirksam. Normalerweise beherrscht ja die Außenwelt das Ich auf zwei Wegen:
erstens durch die immer von neuem möglichen aktuellen Wahrnehmungen, zweitens durch den
Erinnerungsschatz früherer Wahrnehmungen, die als »Innenwelt« einen Besitz und Bestandteil
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin