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des Ichs bilden. In der Amentia wird nun nicht nur die Annahme neuer Wahrnehmungen
verweigert, es wird auch der Innenwelt, welche die Außenwelt als ihr Abbild bisher vertrat, die
Bedeutung (Besetzung) entzogen; das Ich schafft sich selbstherrlich eine neue Außen- und
Innenwelt, und es ist kein Zweifel an zwei Tatsachen, daß diese neue Welt im Sinne der
Wunschregungen des Es aufgebaut ist und daß eine schwere, unerträglich erscheinende
Wunschversagung der Realität das Motiv dieses Zerfalles mit der Außenwelt ist. Die innere
Verwandtschaft dieser Psychose mit dem normalen Traum ist nicht zu verkennen. Die Bedingung
des Träumens ist aber der Schlafzustand, zu dessen Charakteren die volle Abwendung von
Wahrnehmung und Außenwelt gehört.
Von anderen Formen von Psychose, den Schizophrenien, weiß man, daß sie zum Ausgang in
affektiven Stumpfsinn, das heißt zum Verlust alles Anteiles an der Außenwelt tendieren. Über die
Genese der Wahnbildungen haben uns einige Analysen gelehrt, daß der Wahn wie ein
aufgesetzter Fleck dort gefunden wird, wo ursprünglich ein Einriß in der Beziehung des Ichs zur
Außenwelt entstanden war. Wenn die Bedingung des Konflikts mit der Außenwelt nicht noch
weit auffälliger ist, als wir sie jetzt erkennen, so hat dies seinen Grund in der Tatsache, daß im
Krankheitsbild der Psychose die Erscheinungen des pathogenen Vorganges oft von denen eines
Heilungs- oder Rekonstruktionsversuches überdeckt werden.
Die gemeinsame Ätiologie für den Ausbruch einer Psychoneurose oder Psychose bleibt immer
die Versagung, die Nichterfüllung eines jener ewig unbezwungenen Kindheitswünsche, die so
tief in unserer phylogenetisch bestimmten Organisation wurzeln. Diese Versagung ist im letzten
Grunde immer eine äußere; im einzelnen Fall kann sie von jener inneren Instanz (im Über-Ich)
ausgehen, welche die Vertretung der Realitätsforderung übernommen hat. Der pathogene Effekt
hängt nun davon ab, ob das Ich in solcher Konfliktspannung seiner Abhängigkeit von der
Außenwelt treu bleibt und das Es zu knebeln versucht oder ob es sich vom Es überwältigen und
damit von der Realität losreißen läßt. Eine Komplikation wird in diese anscheinend einfache
Lage aber durch die Existenz des Über-Ichs eingetragen, welches in noch nicht durchschauter
Verknüpfung Einflüsse aus dem Es wie aus der Außenwelt in sich vereinigt, gewissermaßen ein
Idealvorbild für das ist, worauf alles Streben des Ichs abzielt, die Versöhnung seiner mehrfachen
Abhängigkeiten. Das Verhalten des Über-Ichs wäre, was bisher nicht geschehen ist, bei allen
Formen psychischer Erkrankung in Betracht zu ziehen. Wir können aber vorläufig postulieren, es
muß auch Affektionen geben, denen ein Konflikt zwischen Ich und Über-Ich zugrunde liegt. Die
Analyse gibt uns ein Recht anzunehmen, daß die Melancholie ein Muster dieser Gruppe ist, und
dann würden wir für solche Störungen den Namen »narzißtische Psychoneurosen« in Anspruch
nehmen. Es stimmt ja nicht übel zu unseren Eindrücken, wenn wir Motive finden, Zustände wie
die Melancholie von den anderen Psychosen zu sondern. Dann merken wir aber, daß wir unsere
einfache genetische Formel vervollständigen konnten, ohne sie fallenzulassen. Die
Übertragungsneurose entspricht dem Konflikt zwischen Ich und Es, die narzißtische Neurose
dem zwischen Ich und Über-Ich, die Psychose dem zwischen Ich und Außenwelt. Wir wissen
freilich zunächst nicht zu sagen, ob wir wirklich neue Einsichten gewonnen oder nur unseren
Formelschatz bereichert haben, aber ich meine, diese Anwendungsmöglichkeit muß uns doch
Mut machen, die vorgeschlagene Gliederung des seelischen Apparates in Ich, Über-Ich und Es
weiter im Auge zu behalten.
Die Behauptung, daß Neurosen und Psychosen durch die Konflikte des Ichs mit seinen
verschiedenen herrschenden Instanzen entstehen, also einem Fehlschlagen in der Funktion des
Ichs entsprechen, das doch das Bemühen zeigt, all die verschiedenen Ansprüche miteinander zu
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin