Page - 900 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Man hat ein Recht dazu, die Existenz der masochistischen Strebung im menschlichen Triebleben
als ökonomisch rätselhaft zu bezeichnen. Denn wenn das Lustprinzip die seelischen Vorgänge in
solcher Weise beherrscht, daß Vermeidung von Unlust und Gewinnung von Lust deren nächstes
Ziel wird, so ist der Masochismus unverständlich. Wenn Schmerz und Unlust nicht mehr
Warnungen, sondern selbst Ziele sein können, ist das Lustprinzip lahmgelegt, der Wächter
unseres Seelenlebens gleichsam narkotisiert.
Der Masochismus erscheint uns so im Lichte einer großen Gefahr, was für seinen Widerpart, den
Sadismus, in keiner Weise gilt. Wir fühlen uns versucht, das Lustprinzip den Wächter unseres
Lebens anstatt nur unseres Seelenlebens zu heißen. Aber dann stellt sich die Aufgabe her, das
Verhältnis des Lustprinzips zu den beiden Triebarten, die wir unterschieden haben, den
Todestrieben und den erotischen (libidinösen) Lebenstrieben, zu untersuchen, und wir können in
der Würdigung des masochistischen Problems nicht weitergehen, ehe wir nicht diesem Rufe
gefolgt sind.
Wir haben, wie erinnerlich[91], das Prinzip, welches alle seelischen Vorgänge beherrscht, als
Spezialfall der Fechnerschen Tendenz zur Stabilität aufgefaßt und somit dem seelischen Apparat
die Absicht zugeschrieben, die ihm zuströmende Erregungssumme zu nichts zu machen oder
wenigstens nach Möglichkeit niedrigzuhalten. Barbara Low hat für dies supponierte Bestreben
den Namen Nirwanaprinzip vorgeschlagen, den wir akzeptieren. Aber wir haben das
Lust-Unlustprinzip unbedenklich mit diesem Nirwanaprinzip identifiziert. Jede Unlust müßte also
mit einer Erhöhung, jede Lust mit einer Erniedrigung der im Seelischen vorhandenen
Reizspannung zusammenfallen, das Nirwana- (und das mit ihm angeblich identische
Lust-)prinzip würde ganz im Dienst der Todestriebe stehen, deren Ziel die Überführung des
unsteten Lebens in die Stabilität des anorganischen Zustandes ist, und würde die Funktion haben,
vor den Ansprüchen der Lebenstriebe, der Libido, zu warnen, welche den angestrebten Ablauf
des Lebens zu stören versuchen. Allein diese Auffassung kann nicht richtig sein. Es scheint, daß
wir Zunahme und Abnahme der Reizgrößen direkt in der Reihe der Spannungsgefühle
empfinden, und es ist nicht zu bezweifeln, daß es lustvolle Spannungen und unlustige
Entspannungen gibt. Der Zustand der Sexualerregung ist das aufdringlichste Beispiel einer
solchen lustvollen Reizvergrößerung, aber gewiß nicht das einzige. Lust und Unlust können also
nicht auf Zunahme oder Abnahme einer Quantität, die wir Reizspannung heißen, bezogen
werden, wenngleich sie offenbar mit diesem Moment viel zu tun haben. Es scheint, daß sie nicht
an diesem quantitativen Faktor hängen, sondern an einem Charakter desselben, den wir nur als
qualitativ bezeichnen können. Wir wären viel weiter in der Psychologie, wenn wir anzugeben
wüßten, welches dieser qualitative Charakter ist. Vielleicht ist es der Rhythmus, der zeitliche
Ablauf in den Veränderungen, Steigerungen und Senkungen der Reizquantität; wir wissen es
nicht.
Auf jeden Fall müssen wir innewerden, daß das dem Todestrieb zugehörige Nirwanaprinzip im
Lebewesen eine Modifikation erfahren hat, durch die es zum Lustprinzip wurde, und werden es
von nun an vermeiden, die beiden Prinzipien für eines zu halten. Von welcher Macht diese
Modifikation ausging, ist, wenn man dieser Überlegung überhaupt folgen will, nicht schwer zu
erraten. Es kann nur der Lebenstrieb, die Libido, sein, der sich in solcher Weise seinen Anteil an
der Regulierung der Lebensvorgänge neben dem Todestrieb erzwungen hat. Wir erhalten so eine
kleine, aber interessante Beziehungsreihe: das Nirwanaprinzip drückt die Tendenz des
Todestriebes aus, das Lustprinzip vertritt den Anspruch der Libido und dessen Modifikation, das
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin