Page - 903 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wenn man sich über einige Ungenauigkeit hinaussetzen will, kann man sagen, der im
Organismus wirkende Todestrieb – der Ursadismus – sei mit dem Masochismus identisch.
Nachdem sein Hauptanteil nach außen auf die Objekte verlegt worden ist, verbleibt als sein
Residuum im Inneren der eigentliche, erogene Masochismus, der einerseits eine Komponente der
Libido geworden ist, anderseits noch immer das eigene Wesen zum Objekt hat. So wäre dieser
Masochismus ein Zeuge und Überrest jener Bildungsphase, in der die für das Leben so wichtige
Legierung von Todestrieb und Eros geschah. Wir werden nicht erstaunt sein zu hören, daß unter
bestimmten Verhältnissen der nach außen gewendete, projizierte Sadismus oder Destruktionstrieb
wieder introjiziert, nach innen gewendet werden kann, solcherart in seine frühere Situation
regrediert. Er ergibt dann den sekundären Masochismus, der sich zum ursprünglichen
hinzuaddiert.
Der erogene Masochismus macht alle Entwicklungsphasen der Libido mit und entnimmt ihnen
seine wechselnden psychischen Umkleidungen. Die Angst, vom Totemtier (Vater) gefressen zu
werden, stammt aus der primitiven, oralen Organisation, der Wunsch, vom Vater geschlagen zu
werden, aus der darauffolgenden sadistisch-analen Phase; als Niederschlag der phallischen
Organisationsstufe[92] tritt die Kastration, obwohl später verleugnet, in den Inhalt der
masochistischen Phantasien ein, von der endgültigen Genitalorganisation leiten sich natürlich die
für die Weiblichkeit charakteristischen Situationen des Koitiertwerdens und des Gebärens ab.
Auch die Rolle der Nates im Masochismus ist, abgesehen von der offenkundigen
Realbegründung, leicht zu verstehen. Die Nates sind die erogen bevorzugte Körperpartie der
sadistisch-analen Phase wie die Mamma der oralen, der Penis der genitalen.
Die dritte Form des Masochismus, der moralische Masochismus, ist vor allem dadurch
bemerkenswert, daß sie ihre Beziehung zu dem, was wir als Sexualität erkennen, gelockert hat.
An allen masochistischen Leiden haftet sonst die Bedingung, daß sie von der geliebten Person
ausgehen, auf ihr Geheiß erduldet werden; diese Einschränkung ist beim moralischen
Masochismus fallengelassen. Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt; ob es von einer
geliebten oder gleichgültigen Person verhängt wird, spielt keine Rolle; es mag auch von
unpersönlichen Mächten oder Verhältnissen verursacht sein, der richtige Masochist hält immer
seine Wange hin, wo er Aussicht hat, einen Schlag zu bekommen. Es liegt sehr nahe, in der
Erklärung dieses Verhaltens die Libido beiseite zu lassen und sich auf die Annahme zu
beschränken, daß hier der Destruktionstrieb wieder nach innen gewendet wurde und nun gegen
das eigene Selbst wütet, aber es sollte doch einen Sinn haben, daß der Sprachgebrauch die
Beziehung dieser Norm des Lebensverhaltens zur Erotik nicht aufgegeben hat und auch solche
Selbstbeschädiger Masochisten heißt.
Einer technischen Gewöhnung getreu wollen wir uns zuerst mit der extremen, unzweifelhaft
pathologischen Form dieses Masochismus beschäftigen. Ich habe an anderer Stelle[93] ausgeführt,
daß wir in der analytischen Behandlung auf Patienten stoßen, deren Benehmen gegen die
Einflüsse der Kur uns nötigt, ihnen ein »unbewußtes« Schuldgefühl zuzuschreiben. Ich habe dort
angegeben, woran man diese Personen erkennt (»die negative therapeutische Reaktion«), und
auch nicht verhehlt, daß die Stärke einer solchen Regung einen der schwersten Widerstände und
die größte Gefahr für den Erfolg unserer ärztlichen oder erzieherischen Absichten bedeutet. Die
Befriedigung dieses unbewußten Schuldgefühls ist der vielleicht mächtigste Posten des in der
Regel zusammengesetzten Krankheitsgewinnes, der Kräftesumme, welche sich gegen die
Genesung sträubt und das Kranksein nicht aufgeben will; das Leiden, das die Neurose mit sich
bringt, ist gerade das Moment, durch das sie der masochistischen Tendenz wertvoll wird. Es ist
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin