Page - 905 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Personen von dem resistenter gewordenen Ich nicht mehr introjiziert zu werden brauchen. Die
letzte Gestalt dieser mit den Eltern beginnenden Reihe ist die dunkle Macht des Schicksals,
welches erst die wenigsten von uns unpersönlich zu erfassen vermögen. Wenn der holländische
Dichter Multatuli[96] die Μοι̃ρα der Griechen durch das Götterpaar Λόγος καὶ ’Ανάγκη ersetzt, so
ist dagegen wenig einzuwenden; aber alle, die die Leitung des Weltgeschehens der Vorsehung,
Gott oder Gott und der Natur übertragen, erwecken den Verdacht, daß sie diese äußersten und
fernsten Gewalten immer noch wie ein Elternpaar – mythologisch – empfinden und sich mit
ihnen durch libidinöse Bindungen verknüpft glauben. Ich habe im Ich und Es den Versuch
gemacht, auch die reale Todesangst der Menschen von einer solchen elterlichen Auffassung des
Schicksals abzuleiten. Es scheint sehr schwer, sich von ihr frei zu machen.
Nach diesen Vorbereitungen können wir zur Würdigung des moralischen Masochismus
zurückkehren. Wir sagten, die betreffenden Personen erwecken durch ihr Benehmen – in der Kur
und im Leben – den Eindruck, als seien sie übermäßig moralisch gehemmt, ständen unter der
Herrschaft eines besonders empfindlichen Gewissens, obwohl ihnen von solcher Übermoral
nichts bewußt ist. Bei näherem Eingehen bemerken wir wohl den Unterschied, der eine solche
unbewußte Fortsetzung der Moral vom moralischen Masochismus trennt. Bei der ersteren fällt
der Akzent auf den gesteigerten Sadismus des Über-Ichs, dem das Ich sich unterwirft, beim
letzteren hingegen auf den eigenen Masochismus des Ichs, der nach Strafe, sei es vom Über-Ich,
sei es von den Elternmächten draußen, verlangt. Unsere anfängliche Verwechslung darf
entschuldigt werden, denn beide Male handelt es sich um eine Relation zwischen dem Ich und
dem Über-Ich oder ihm gleichstehenden Mächten; in beiden Fällen kommt es auf ein Bedürfnis
hinaus, das durch Strafe und Leiden befriedigt wird. Es ist dann ein kaum gleichgültiger
Nebenumstand, daß der Sadismus des Über-Ichs meist grell bewußt wird, während das
masochistische Streben des Ichs in der Regel der Person verborgen bleibt und aus ihrem
Verhalten erschlossen werden muß.
Die Unbewußtheit des moralischen Masochismus leitet uns auf eine naheliegende Spur. Wir
konnten den Ausdruck »unbewußtes Schuldgefühl« übersetzen als Strafbedürfnis von Seiten
einer elterlichen Macht. Nun wissen wir, daß der in Phantasien so häufige Wunsch, vom Vater
geschlagen zu werden, dem anderen sehr nahesteht, in passive (feminine) sexuelle Beziehung zu
ihm zu treten, und nur eine regressive Entstellung desselben ist. Setzen wir diese Aufklärung in
den Inhalt des moralischen Masochismus ein, so wird dessen geheimer Sinn uns offenbar.
Gewissen und Moral sind durch die Überwindung, Desexualisierung, des Ödipuskomplexes
entstanden; durch den moralischen Masochismus wird die Moral wieder sexualisiert, der
Ödipuskomplex neu belebt, eine Regression von der Moral zum Ödipuskomplex angebahnt. Dies
geschieht weder zum Vorteil der Moral noch des Individuums. Der einzelne kann zwar neben
seinem Masochismus sein volles oder ein gewisses Maß von Sittlichkeit bewahrt haben, es kann
aber auch ein gutes Stück seines Gewissens an den Masochismus verlorengegangen sein.
Andererseits schafft der Masochismus die Versuchung zum »sündhaften« Tun, welches dann
durch die Vorwürfe des sadistischen Gewissens (wie bei so vielen russischen Charaktertypen)
oder durch die Züchtigung der großen Elternmacht des Schicksals gesühnt werden muß. Um die
Bestrafung durch diese letzte Elternvertretung zu provozieren, muß der Masochist das
Unzweckmäßige tun, gegen seinen eigenen Vorteil arbeiten, die Aussichten zerstören, die sich
ihm in der realen Welt eröffnen, und eventuell seine eigene reale Existenz vernichten.
Die Rückwendung des Sadismus gegen die eigene Person ereignet sich regelmäßig bei der
kulturellen Triebunterdrückung, welche einen großen Teil der destruktiven Triebkomponenten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin