Page - 913 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Hantierung entfernen kann. Untersucht man es aber näher, so findet man in seiner Konstruktion
eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit dem von mir supponierten Bau unseres
Wahrnehmungsapparats und überzeugt sich, daß es wirklich beides liefern kann, eine immer
bereite Aufnahmsfläche und Dauerspuren der aufgenommenen Aufzeichnungen.
Der Wunderblock ist eine in einen Papierrand gefaßte Tafel aus dunkelbräunlicher Harz- oder
Wachsmasse, über welche ein dünnes, durchscheinendes Blatt gelegt ist, am oberen Ende an der
Wachstafel fest haftend, am unteren ihr frei anliegend. Dieses Blatt ist der interessantere Anteil
des kleinen Apparats. Es besteht selbst aus zwei Schichten, die außer an den beiden queren
Rändern voneinander abgehoben werden können. Die obere Schicht ist eine durchsichtige
Zelluloidplatte, die untere ein dünnes, also durchscheinendes Wachspapier. Wenn der Apparat
nicht gebraucht wird, klebt die untere Fläche des Wachspapiers der oberen Fläche der Wachstafel
leicht an.
Man gebraucht diesen Wunderblock, indem man die Aufschreibung auf der Zelluloidplatte des
die Wachstafel deckenden Blattes ausführt. Dazu bedarf es keines Bleistifts oder einer Kreide,
denn das Schreiben beruht nicht darauf, daß Material an die aufnehmende Fläche abgegeben
wird. Es ist eine Rückkehr zur Art, wie die Alten auf Ton- und Wachstäfelchen schrieben. Ein
spitzer Stilus ritzt die Oberfläche, deren Vertiefungen die »Schrift« ergeben. Beim Wunderblock
geschieht dieses Ritzen nicht direkt, sondern unter Vermittlung des darüberliegenden
Deckblattes. Der Stilus drückt an den von ihm berührten Stellen die Unterfläche des
Wachspapiers an die Wachstafel an, und diese Furchen werden an der sonst glatten
weißlichgrauen Oberfläche des Zelluloids als dunkle Schrift sichtbar. Will man die
Aufschreibung zerstören, so genügt es, das zusammengesetzte Deckblatt von seinem freien,
unteren Rand her mit leichtem Griff von der Wachstafel abzuheben. Der innige Kontakt zwischen
Wachspapier und Wachstafel an den geritzten Stellen, auf dem das Sichtbarwerden der Schrift
beruhte, wird damit gelöst und stellt sich auch nicht her, wenn die beiden einander wieder
berühren. Der Wunderblock ist nun schriftfrei und bereit, neue Aufzeichnungen aufzunehmen.
Die kleinen Unvollkommenheiten des Geräts haben für uns natürlich kein Interesse, da wir nur
dessen Annäherung an die Struktur des seelischen Wahrnehmungsapparats verfolgen wollen.
Wenn man, während der Wunderblock beschrieben ist, die Zelluloidplatte vorsichtig vom
Wachspapier abhebt, so sieht man die Schrift ebenso deutlich auf der Oberfläche des letzteren
und kann die Frage stellen, wozu die Zelluloidplatte des Deckblattes überhaupt notwendig ist.
Der Versuch zeigt dann, daß das dünne Papier sehr leicht in Falten gezogen oder zerrissen
werden würde, wenn man es direkt mit dem Stilus beschriebe. Das Zelluloidblatt ist also eine
schützende Hülle für das Wachspapier, die schädigende Einwirkungen von außen abhalten soll.
Das Zelluloid ist ein »Reizschutz«; die eigentlich reizaufnehmende Schicht ist das Papier. Ich
darf nun darauf hinweisen, daß ich im Jenseits des Lustprinzips ausgeführt habe, unser seelischer
Wahrnehmungsapparat bestehe aus zwei Schichten, einem äußeren Reizschutz, der die Größe der
ankommenden Erregungen herabsetzen soll, und aus der reizaufnehmenden Oberfläche dahinter,
dem System W-Bw.
Die Analogie hätte nicht viel Wert, wenn sie sich nicht weiter verfolgen ließe. Hebt man das
ganze Deckblatt – Zelluloid und Wachspapier – von der Wachstafel ab, so verschwindet die
Schrift und stellt sich, wie erwähnt, auch später nicht wieder her. Die Oberfläche des
Wunderblocks ist schriftfrei und von neuem aufnahmsfähig. Es ist aber leicht festzustellen, daß
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin