Page - 914 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die Dauerspur des Geschriebenen auf der Wachstafel selbst erhalten bleibt und bei geeigneter
Belichtung lesbar ist. Der Block liefert also nicht nur eine immer von neuem verwendbare
Aufnahmsfläche wie die Schiefertafel, sondern auch Dauerspuren der Aufschreibung wie der
gewöhnliche Papierblock; er löst das Problem, die beiden Leistungen zu vereinigen, indem er sie
auf zwei gesonderte, miteinander verbundene Bestandteile – Systeme – verteilt. Das ist aber ganz
die gleiche Art, wie nach meiner oben erwähnten Annahme unser seelischer Apparat die
Wahrnehmungsfunktion erledigt. Die reizaufnehmende Schicht – das System W-Bw – bildet
keine Dauerspuren, die Grundlagen der Erinnerung kommen in anderen, anstoßenden Systemen
zustande.
Es braucht uns dabei nicht zu stören, daß die Dauerspuren der empfangenen Aufzeichnungen
beim Wunderblock nicht verwertet werden; es genügt, daß sie vorhanden sind. Irgendwo muß ja
die Analogie eines solchen Hilfsapparats mit dem vorbildlichen Organ ein Ende finden. Der
Wunderblock kann ja auch nicht die einmal verlöschte Schrift von innen her wieder
»reproduzieren«; er wäre wirklich ein Wunderblock, wenn er das wie unser Gedächtnis
vollbringen könnte. Immerhin erscheint es mir jetzt nicht allzu gewagt, das aus Zelluloid und
Wachspapier bestehende Deckblatt mit dem System W-Bw und seinem Reizschutz, die
Wachstafel mit dem Unbewußten dahinter, das Sichtbarwerden der Schrift und ihr Verschwinden
mir dem Aufleuchten und Vergehen des Bewußtseins bei der Wahrnehmung gleichzustellen. Ich
gestehe aber, daß ich geneigt bin, die Vergleichung noch weiter zu treiben.
Beim Wunderblock verschwindet die Schrift jedesmal, wenn der innige Kontakt zwischen dem
den Reiz empfangenden Papier und der den Eindruck bewahrenden Wachstafel aufgehoben wird.
Das trifft mit einer Vorstellung zusammen, die ich mir längst über die Funktionsweise des
seelischen Wahrnehmungsapparats gemacht, aber bisher für mich behalten habe. Ich habe
angenommen, daß Besetzungsinnervationen in raschen periodischen Stößen aus dem Inneren in
das völlig durchlässige System W-Bw geschickt und wieder zurückgezogen werden. Solange das
System in solcher Weise besetzt ist, empfängt es die von Bewußtsein begleiteten
Wahrnehmungen und leitet die Erregung weiter in die unbewußten Erinnerungssysteme; sobald
die Besetzung zurückgezogen wird, erlischt das Bewußtsein, und die Leistung des Systems ist
sistiert. Es wäre so, als ob das Unbewußte mittels des Systems W-Bw der Außenwelt Fühler
entgegenstrecken würde, die rasch zurückgezogen werden, nachdem sie deren Erregungen
verkostet haben. Ich ließ also die Unterbrechungen, die beim Wunderblock von außen her
geschehen, durch die Diskontinuität der Innervationsströmung zustande kommen, und an Stelle
einer wirklichen Kontaktaufhebung stand in meiner Annahme die periodisch eintretende
Unerregbarkeit des Wahrnehmungssystems. Ich vermutete ferner, daß diese diskontinuierliche
Arbeitsweise des Systems W-Bw der Entstehung der Zeitvorstellung zugrunde liegt.
Denkt man sich, daß während eine Hand die Oberfläche des Wunderblocks beschreibt, eine
andere periodisch das Deckblatt desselben von der Wachstafel abhebt, so wäre das eine
Versinnlichung der Art, wie ich mir die Funktion unseres seelischen Wahrnehmungsapparats
vorstellen wollte.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin