Page - 917 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Also: »Es soll in mir oder außer mir sein.« Das ursprüngliche Lust-Ich will, wie ich an anderer
Stelle ausgeführt habe, alles Gute sich introjizieren, alles Schlechte von sich werfen. Das
Schlechte, das dem Ich Fremde, das Außenbefindliche, ist ihm zunächst identisch[100].
Die andere der Entscheidungen der Urteilsfunktion, die über die reale Existenz eines
vorgestellten Dinges, ist ein Interesse des endgültigen Real-Ichs, das sich aus dem anfänglichen
Lust-Ich entwickelt. (Realitätsprüfung.) Nun handelt es sich nicht mehr darum, ob etwas
Wahrgenommenes (ein Ding) ins Ich aufgenommen werden soll oder nicht, sondern ob etwas im
Ich als Vorstellung Vorhandenes auch in der Wahrnehmung (Realität) wiedergefunden werden
kann. Es ist, wie man sieht, wieder eine Frage des Außen und Innen. Das Nichtreale, bloß
Vorgestellte, Subjektive, ist nur innen; das andere, Reale, auch im Draußen vorhanden. In dieser
Entwicklung ist die Rücksicht auf das Lustprinzip beiseite gesetzt worden. Die Erfahrung hat
gelehrt, es ist nicht nur wichtig, ob ein Ding (Befriedigungsobjekt) die »gute« Eigenschaft
besitzt, also die Aufnahme ins Ich verdient, sondern auch, ob es in der Außenwelt da ist, so daß
man sich seiner nach Bedürfnis bemächtigen kann. Um diesen Fortschritt zu verstehen, muß man
sich daran erinnern, daß alle Vorstellungen von Wahrnehmungen stammen, Wiederholungen
derselben sind. Ursprünglich ist also schon die Existenz der Vorstellung eine Bürgschaft für die
Realität des Vorgestellten. Der Gegensatz zwischen Subjektivem und Objektivem besteht nicht
von Anfang an. Er stellt sich erst dadurch her, daß das Denken die Fähigkeit besitzt, etwas einmal
Wahrgenommenes durch Reproduktion in der Vorstellung wieder gegenwärtig zu machen,
während das Objekt draußen nicht mehr vorhanden zu sein braucht. Der erste und nächste Zweck
der Realitätsprüfung ist also nicht, ein dem Vorgestellten entsprechendes Objekt in der realen
Wahrnehmung zu finden, sondern es wiederzufinden, sich zu überzeugen, daß es noch vorhanden
ist. Ein weiterer Beitrag zur Entfremdung zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven rührt
von einer anderen Fähigkeit des Denkvermögens her. Die Reproduktion der Wahrnehmung in der
Vorstellung ist nicht immer deren getreue Wiederholung; sie kann durch Weglassungen
modifiziert, durch Verschmelzungen verschiedener Elemente verändert sein. Die
Realitätsprüfung hat dann zu kontrollieren, wie weit diese Entstellungen reichen. Man erkennt
aber als Bedingung für die Einsetzung der Realitätsprüfung, daß Objekte verlorengegangen sind,
die einst reale Befriedigung gebracht hatten.
Das Urteilen ist die intellektuelle Aktion, die über die Wahl der motorischen Aktion entscheidet,
dem Denkaufschub ein Ende setzt und vom Denken zum Handeln überleitet. Auch über den
Denkaufschub habe ich bereits an anderer Stelle gehandelt. Er ist als eine Probeaktion zu
betrachten, ein motorisches Tasten mit geringen Abfuhraufwänden. Besinnen wir uns: Wo hatte
das Ich ein solches Tasten vorher geübt, an welcher Stelle die Technik erlernt, die es jetzt bei den
Denkvorgängen anwendet? Dies geschah am sensorischen Ende des seelischen Apparats, bei den
Sinneswahrnehmungen. Nach unserer Annahme ist ja die Wahrnehmung kein rein passiver
Vorgang, sondern das Ich schickt periodisch kleine Besetzungsmengen in das
Wahrnehmungssystem, mittels deren es die äußeren Reize verkostet, um sich nach jedem solchen
tastenden Vorstoß wieder zurückzuziehen.
Das Studium des Urteils eröffnet uns vielleicht zum erstenmal die Einsicht in die Entstehung
einer intellektuellen Funktion aus dem Spiel der primären Triebregungen. Das Urteilen ist die
zweckmäßige Fortentwicklung der ursprünglich nach dem Lustprinzip erfolgten Einbeziehung ins
Ich oder Ausstoßung aus dem Ich. Seine Polarität scheint der Gegensätzlichkeit der beiden von
uns angenommenen Triebgruppen zu entsprechen. Die Bejahung – als Ersatz der Vereinigung –
gehört dem Eros an, die Verneinung – Nachfolge der Ausstoßung – dem Destruktionstrieb. Die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin