Page - 926 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Schwester erinnern. Anders aber, wenn beide Momente zusammengetroffen sind. Dann weckt die
Drohung die Erinnerung an die für harmlos gehaltene Wahrnehmung und findet in ihr die
gefürchtete Bestätigung. Der Knabe glaubt jetzt zu verstehen, warum das Genitale des Mädchens
keinen Penis zeigte, und wagt es nicht mehr zu bezweifeln, daß seinem eigenen Genitale das
gleiche widerfahren kann. Er muß fortan an die Realität der Kastrationsgefahr glauben.
Die gewöhnliche, die als normal geltende Folge des Kastrationsschrecks ist nun, daß der Knabe
der Drohung nachgibt, im vollen oder wenigstens im partiellen Gehorsam – indem er nicht mehr
die Hand ans Genitale führt –, entweder sofort oder nach längerem Kampf, also auf die
Befriedigung des Triebes ganz oder teilweise verzichtet. Wir sind aber darauf vorbereitet, daß
unser Patient sich anders zu helfen wußte. Er schuf sich einen Ersatz für den vermißten Penis des
Weibes, einen Fetisch. Damit hatte er zwar die Realität verleugnet, aber seinen eigenen Penis
gerettet. Wenn er nicht anerkennen mußte, daß das Weib ihren Penis verloren hatte, so büßte die
ihm erteilte Drohung ihre Glaubwürdigkeit ein, dann brauchte er auch für seinen Penis nicht zu
fürchten, konnte ungestört seine Masturbation fortsetzen. Dieser Akt unseres Patienten imponiert
uns als eine Abwendung von der Realität, als ein Vorgang, den wir gern der Psychose
vorbehalten möchten. Er ist auch nicht viel anders, aber wir wollen doch unser Urteil
suspendieren, denn bei näherer Betrachtung entdecken wir einen nicht unwichtigen Unterschied.
Der Knabe hat nicht einfach seiner Wahrnehmung widersprochen, einen Penis dorthin
halluziniert, wo keiner zu sehen war, sondern er hat nur eine Wertverschiebung vorgenommen,
die Penisbedeutung einem anderen Körperteil übertragen, wobei ihm – in hier nicht
anzuführender Weise – der Mechanismus der Regression zu Hilfe kam. Freilich betraf diese
Verschiebung nur den Körper des Weibes, für den eigenen Penis änderte sich nichts.
Diese, man möchte sagen, kniffige Behandlung der Realität entscheidet über das praktische
Benehmen des Knaben. Er betreibt seine Masturbation weiter, als ob sie seinem Penis keine
Gefahr bringen könnte, aber gleichzeitig entwickelt er in vollem Widerspruch zu seiner
anscheinenden Tapferkeit oder Unbekümmertheit ein Symptom, welches beweist, daß er diese
Gefahr doch anerkennt. Es ist ihm angedroht worden, daß der Vater ihn kastrieren wird, und
unmittelbar nachher, gleichzeitig mit der Schöpfung des Fetisch, tritt bei ihm eine intensive
Angst vor der Bestrafung durch den Vater auf, die ihn lange beschäftigen wird, die er nur mit
dem ganzen Aufwand seiner Männlichkeit bewältigen und überkompensieren kann. Auch diese
Angst vor dem Vater schweigt von der Kastration. Mit Hilfe der Regression auf eine orale Phase
erscheint sie als Angst, vom Vater gefressen zu werden. Es ist unmöglich, hier nicht eines
urtümlichen Stücks der griechischen Mythologie zu gedenken, das berichtet, wie der alte
Vatergott Kronos seine Kinder verschlingt und auch den jüngsten Sohn Zeus verschlingen will
und wie der durch die List der Mutter gerettete Zeus später den Vater entmannt. Um aber zu
unserem Fall zurückzukehren, fügen wir hinzu, daß er noch ein anderes, wenn auch geringfügiges
Symptom produzierte, das er bis auf den heutigen Tag festgehalten hat, eine ängstliche
Empfindlichkeit seiner beiden kleinen Zehen gegen Berührung, als ob in dem sonstigen Hin und
Her von Verleugnung und Anerkennung der Kastration doch noch ein deutlicherer Ausdruck
zukäme …
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin