Page - 931 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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I
Einleitung
[1]
Wer einmal Anlaß gehabt hat, sich in der Literatur bei Ästhetikern und Psychologen zu
erkundigen, welche Aufklärung über Wesen und Beziehungen des Witzes gegeben werden kann,
der wird wohl zugestehen müssen, daß die philosophische Bemühung dem Witz lange nicht in
dem Maße zuteil geworden ist, welches er durch seine Rolle in unserem Geistesleben verdient.
Man kann nur eine geringe Anzahl von Denkern nennen, die sich eingehender mit den Problemen
des Witzes beschäftigt haben. Allerdings finden sich unter den Bearbeitern des Witzes die
glänzenden Namen des Dichters Jean Paul (Fr. Richter) und der Philosophen Th. Vischer, Kuno
Fischer und Th. Lipps; aber auch bei diesen Autoren steht das Thema des Witzes im
Hintergrunde, während das Hauptinteresse der Untersuchung dem umfassenderen und
anziehenderen Probleme des Komischen zugewendet ist.
Man gewinnt aus der Literatur zunächst den Eindruck, als sei es völlig untunlich, den Witz anders
als im Zusammenhange mit dem Komischen zu behandeln.
Nach Th. Lipps (Komik und Humor, 1898)[1] ist der Witz »die durchaus subjektive Komik«, d. h.
die Komik, »die wir hervorbringen, die an unserem Tun als solchem haftet, zu der wir uns
durchwegs als darüberstehendes Subjekt, niemals als Objekt, auch nicht als freiwilliges Objekt
verhalten« (S. 80). Erläuternd hiezu die Bemerkung: Witz heiße überhaupt »jedes bewußte und
geschickte Hervorrufen der Komik, sei es der Komik der Anschauung oder der Situation« (S. 78).
K. Fischer erläutert die Beziehung des Witzes zum Komischen mit Beihilfe der in seiner
Darstellung zwischen beide eingeschobenen Karikatur. (Über den Witz, 1889.) Gegenstand der
Komik ist das Häßliche in irgendeiner seiner Erscheinungsformen: »Wo es verdeckt ist, muß es
im Licht der komischen Betrachtung entdeckt, wo es wenig oder kaum bemerkt wird, muß es
hervorgeholt und so verdeutlicht werden, daß es klar und offen am Tage liegt … So entsteht die
Karikatur« (S. 45). – »Unsere ganze geistige Welt, das intellektuelle Reich unserer Gedanken und
Vorstellungen, entfaltet sich nicht vor dem Blicke der äußeren Betrachtung, läßt sich nicht
unmittelbar bildlich und anschaulich vorstellen und enthält doch auch seine Hemmungen,
Gebrechen, Verunstaltungen, eine Fülle des Lächerlichen und der komischen Kontraste. Diese
hervorzuheben und der ästhetischen Betrachtung zugänglich zu machen, wird eine Kraft nötig
sein, welche imstande ist, nicht bloß Objekte unmittelbar vorzustellen, sondern auf diese
Vorstellungen selbst zu reflektieren und sie zu verdeutlichen: eine gedankenerhellende Kraft.
Diese Kraft ist allein das Urteil. Das Urteil, welches den komischen Kontrast erzeugt, ist der
Witz, er hat im stillen schon in der Karikatur mitgespielt, aber erst im Urteil erreicht er seine
eigentümliche Form und das freie Gebiet seiner Entfaltung« (S. 49–50).
Wie man sieht, verlegt Lipps den Charakter, welcher den Witz innerhalb des Komischen
auszeichnet, in die Betätigung, in das aktive Verhalten des Subjekts, während K. Fischer den
Witz durch die Beziehung zu seinem Gegenstand, als welcher das verborgene Häßliche der
Gedankenwelt gelten soll, kennzeichnet. Man kann diese Definitionen des Witzes nicht auf ihre
Triftigkeit prüfen, ja man kann sie kaum verstehen, wenn man sie nicht in den Zusammenhang
einfügt, aus dem gerissen sie hier erscheinen, und man stände so vor der Nötigung, sich durch die
Darstellungen des Komischen bei den Autoren hindurchzuarbeiten, um von ihnen etwas über den
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin