Page - 932 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Witz zu erfahren. Indes wird man an anderen Stellen gewahr, daß dieselben Autoren auch
wesentliche und allgemein gültige Charaktere des Witzes anzugeben wissen, bei welchen von
dessen Beziehung zum Komischen abgesehen ist.
Die Kennzeichnung des Witzes bei K. Fischer, die den Autor selbst am besten zu befriedigen
scheint, lautet: »Der Witz ist ein spielendes Urteil« (S. 51). Zur Erläuterung dieses Ausdruckes
werden wir auf die Analogie verwiesen: »wie die ästhetische Freiheit in der spielenden
Betrachtung der Dinge bestand« (S. 50). An anderer Stelle (S. 20) wird das ästhetische Verhalten
gegen ein Objekt durch die Bedingung charakterisiert, daß wir von diesem Objekt nichts
verlangen, insbesondere keine Befriedigung unserer ernsten Bedürfnisse, sondern uns mit dem
Genuß der Betrachtung desselben begnügen. Das ästhetische Verhalten ist spielend im Gegensatz
zur Arbeit. – »Es könnte sein, daß aus der ästhetischen Freiheit auch eine von der gewöhnlichen
Fessel und Richtschnur losgelöste Art des Urteilens entspringt, die ich um ihres Ursprungs willen
›das spielende Urteil‹ nennen will, und daß in diesem Begriff die erste Bedingung, wenn nicht
die ganze Formel enthalten ist, die unsere Aufgabe löst. ›Freiheit gibt Witz und Witz gibt
Freiheit‹, sagt Jean Paul. ›Der Witz ist ein bloßes Spiel mit Ideen‹« (S. 24).
Von jeher liebte man es, den Witz als die Fertigkeit zu definieren, Ähnlichkeiten zwischen
Unähnlichem, also versteckte Ähnlichkeiten zu finden. Jean Paul hat diesen Gedanken selbst
witzig so ausgedrückt: »Der Witz ist der verkleidete Priester, der jedes Paar traut.« Th. Vischer
fügt die Fortsetzung an: »Er traut die Paare am liebsten, deren Verbindung die Verwandten nicht
dulden wollen.« Vischer wendet aber ein, daß es Witze gebe, bei denen von Vergleichung, also
auch von Auffindung von Ähnlichkeit, keine Rede sei. Er definiert also den Witz mit leiser
Abweichung von Jean Paul als die Fertigkeit, mit überraschender Schnelle mehrere
Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie angehören, einander
eigentlich fremd sind, zu einer Einheit zu verbinden. K. Fischer hebt dann hervor, daß in einer
Menge von witzigen Urteilen nicht Ähnlichkeiten, sondern Unterschiede gefunden werden, und
Lipps macht darauf aufmerksam, daß sich diese Definitionen auf den Witz beziehen, den der
Witzige hat, und nicht, den er macht.
Andere in gewissem Sinne miteinander verknüpfte Gesichtspunkte, die bei der
Begriffsbestimmung oder Beschreibung des Witzes herangezogen wurden, sind der
»Vorstellungskontrast«, »der Sinn im Unsinn«, »die Verblüffung und Erleuchtung«.
Auf den Vorstellungskontrast legen Definitionen wie die von Kraepelin den Nachdruck. Der Witz
sei »die willkürliche Verbindung oder Verknüpfung zweier miteinander in irgendeiner Weise
kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das Hilfsmittel der sprachlichen Assoziation«. Es
wird einem Kritiker wie Lipps nicht schwer, die völlige Unzulänglichkeit dieser Formel
aufzudecken, aber er selbst schließt das Moment des Kontrastes nicht aus, sondern verschiebt es
nur an eine andere Stelle. »Der Kontrast bleibt bestehen, aber er ist nicht so oder so gefaßter
Kontrast der mit den Worten verbundenen Vorstellungen, sondern Kontrast oder Widerspruch der
Bedeutung und Bedeutungslosigkeit der Worte« (1898, S. 87). Beispiele erläutern, wie letzteres
verstanden werden soll. »Ein Kontrast entsteht erst dadurch, daß … wir seinen Worten eine
Bedeutung zugestehen, die wir ihnen dann doch wieder nicht zugestehen können« (S. 90).
In der Weiterentwicklung dieser letzten Bestimmung kommt der Gegensatz von »Sinn und
Unsinn« zur Bedeutung. »Was wir einen Moment für sinnvoll nehmen, steht als völlig sinnlos
vor uns. Darin besteht in diesem Falle der komische Prozeß« … »Witzig erscheint eine Aussage,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin