Page - 933 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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wenn wir ihr eine Bedeutung mit psychologischer Notwendigkeit zuschreiben, und indem wir sie
ihr zuschreiben, sofort auch wiederum absprechen. Dabei kann unter der Bedeutung
verschiedenes verstanden sein. Wir leihen einer Aussage einen Sinn und wissen, daß er ihr
logischerweise nicht zukommen kann. Wir finden in ihr eine Wahrheit, die wir dann doch
wiederum den Gesetzen der Erfahrung oder allgemeinen Gewohnheiten unseres Denkens zufolge
nicht darin finden können. Wir gestehen ihr eine über ihren wahren Inhalt hinausgehende
logische oder praktische Folge zu, um eben diese Folge zu verneinen, sobald wir die
Beschaffenheit der Aussage für sich ins Auge fassen. In jedem Falle besteht der psychologische
Prozeß, den die witzige Aussage in uns hervorruft und auf dem das Gefühl der Komik beruht, in
dem unvermittelten Übergang von jenem Leihen, Fürwahrhalten, Zugestehen, zum Bewußtsein
oder Eindruck relativer Nichtigkeit« (S. 85).
So eindringlich diese Auseinandersetzung klingt, so möchte man hier doch die Frage aufwerfen,
ob der Gegensatz des Sinnvollen und Sinnlosen, auf dem das Gefühl der Komik beruht, auch zur
Begriffsbestimmung des Witzes, insofern er vom Komischen unterschieden ist, beiträgt.
Auch das Moment der »Verblüffung und Erleuchtung« führt tief in das Problem der Relation des
Witzes zur Komik hinein. Kant sagt vom Komischen überhaupt, es sei eine merkwürdige
Eigenschaft desselben, daß es uns nur für einen Moment täuschen könne. Heymans (1896) führt
aus, wie die Wirkung eines Witzes durch die Aufeinanderfolge von Verblüffung und Erleuchtung
zustande komme. Er erläutert seine Meinung an einem prächtigen Witz von Heine, der eine
seiner Figuren, den armen Lotteriekollekteur Hirsch-Hyacinth, sich rühmen läßt, der große Baron
Rothschild habe ihn ganz wie seinesgleichen, ganz famillionär behandelt. Hier erscheine das
Wort, welches der Träger des Witzes ist, zunächst einfach als eine fehlerhafte Wortbildung, als
etwas Unverständliches, Unbegreifliches, Rätselhaftes. Dadurch verblüffe es. Die Komik ergebe
sich aus der Lösung der Verblüffung, aus dem Verständnis des Wortes. Lipps (1898, S. 95)
ergänzt hiezu, daß diesem ersten Stadium der Erleuchtung, das verblüffende Wort bedeute dies
und jenes, ein zweites Stadium folgt, in dem man einsehe, dies sinnlose Wort habe uns verblüfft
und dann den guten Sinn ergeben. Erst diese zweite Erleuchtung, die Einsicht, daß ein nach
gemeinem Sprachgebrauch sinnloses Wort das ganze verschuldet habe, diese Auflösung in
Nichts, erzeuge erst die Komik.
Ob die eine oder die andere dieser beiden Auffassungen uns einleuchtender erscheinen möge,
durch die Erörterungen über Verblüffung und Erleuchtung werden wir einer bestimmten Einsicht
näher gebracht. Wenn nämlich die komische Wirkung des Heineschen famillionär auf der
Auflösung des scheinbar sinnlosen Wortes beruht, so ist wohl der »Witz« in die Bildung dieses
Wortes und in den Charakter des so gebildeten Wortes zu versetzen.
Außer allem Zusammenhang mit den zuletzt behandelten Gesichtspunkten wird eine andere
Eigentümlichkeit des Witzes als wesentlich für ihn von allen Autoren anerkannt. »Kürze ist der
Körper und die Seele des Witzes, ja er selbst«, sagt Jean Paul (1804, II. Teil, § 42) und
modifiziert damit nur eine Rede des alten Schwätzers Polonius in Shakespeares Hamlet (II. Akt,
2. Szene):
»Weil Kürze dann des Witzes Seele ist,
Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat,
Fass’ ich mich kurz.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin