Page - 937 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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nicht.
Wenn aber der Witzcharakter unseres Beispiels nicht dem Gedanken anhaftet, so ist er in der
Form, im Wortlaut seines Ausdruckes zu suchen. Wir brauchen nur die Besonderheit dieser
Ausdrucksweise zu studieren, um zu erfassen, was man als die Wort- oder Ausdruckstechnik
dieses Witzes bezeichnen kann und was in inniger Beziehung zu dem Wesen des Witzes stehen
muß, da Charakter und Wirkung des Witzes mit dessen Ersetzung durch anderes verschwinden.
Wir befinden uns übrigens in voller Übereinstimmung mit den Autoren, wenn wir soviel Wert auf
die sprachliche Form des Witzes legen. So z. B. sagt K. Fischer (1889, S. 72): »Es ist zunächst
die bloße Form, die das Urteil zum Witz macht, und man wird hier an ein Wort Jean Pauls
erinnert, welches eben diese Natur des Witzes in demselben Ausspruche erklärt und beweist: ›So
sehr sieget die bloße Stellung, es sei der Krieger oder der Sätze.‹«
Worin besteht nun die »Technik« dieses Witzes? Was ist mit dem Gedanken etwa in unserer
Fassung vorgegangen, bis aus ihm der Witz wurde, über den wir so herzlich lachen? Zweierlei,
wie die Vergleichung unserer Fassung mit dem Text des Dichters lehrt. Erstens hat eine
erhebliche Verkürzung stattgefunden. Wir mußten, um den im Witz enthaltenen Gedanken voll
auszudrücken, an die Worte »R. behandelte mich ganz wie seinesgleichen, ganz familiär«, einen
Nachsatz anfügen, der aufs kürzeste eingeengt lautete: d. h. soweit ein Millionär das zustande
bringt, und dann fühlten wir erst noch das Bedürfnis nach einem erläuternden Zusatz[4]. Beim
Dichter heißt es weit kürzer:
»R. behandelte mich ganz wie seinesgleichen, ganz famillionär.«
Die ganze Einschränkung, die der zweite Satz an den ersten anfügt, welcher die familiäre
Behandlung konstatiert, ist im Witze verlorengegangen.
Aber doch nicht ganz ohne einen Ersatz, aus dem man sie rekonstruieren kann. Es hat auch noch
eine zweite Abänderung stattgefunden. Das Wort »familiär« im witzlosen Ausdruck des
Gedankens ist im Text des Witzes zu »famillionär« umgewandelt worden, und ohne Zweifel
hängt gerade an diesem Wortgebilde der Witzcharakter und der Lacheffekt des Witzes. Das
neugebildete Wort deckt sich in seinem Anfang mit dem »familiär« des ersten, in seinen
auslautenden Silben mit dem »Millionär« des zweiten Satzes, es vertritt gleichsam den einen
Bestandteil »Millionär« aus dem zweiten Satze, infolgedessen den ganzen zweiten Satz, und setzt
uns auf diese Weise in den Stand, den im Text des Witzes ausgelassenen zweiten Satz zu erraten.
Es ist als ein Mischgebilde aus den zwei Komponenten »familiär« und »Millionär« zu
beschreiben, und man wäre versucht, sich seine Entstehung aus diesen beiden Worten graphisch
zu veranschaulichen[5].
FAMILI ÄR MILIONÄR FAMILIONÄR Den Vorgang aber, welcher den Gedanken in den
Witz übergeführt hat, kann man sich in folgender Weise darstellen, die zunächst recht
phantastisch erscheinen mag, aber nichtsdestoweniger genau das wirklich vorhandene Ergebnis
liefert:
»R. behandelte mich ganz familiär,
d.
h. soweit ein Millionär es zustande bringt.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin