Page - 938 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Nun denke man sich eine zusammendrängende Kraft auf diese Sätze einwirken und nehme an,
daß der Nachsatz aus irgendeinem Grunde der weniger resistente sei. Dieser wird dann zum
Schwinden gebracht werden, der bedeutsame Bestandteil desselben, das Wort »Millionär«,
welches sich gegen die Unterdrückung zu sträuben vermag, wird gleichsam an den ersten Satz
angepreßt, mit dem ihm so sehr ähnlichen Element dieses Satzes »familiär« verschmolzen, und
gerade diese zufällig gegebene Möglichkeit, das Wesentliche des zweiten Satzes zu retten, wird
den Untergang der anderen unwichtigeren Bestandteile begünstigen. So entsteht dann der Witz:
»R. behandelte mich ganz famili on är.«
/ \par(mili) (?r)
Abgesehen von solcher zusammendrängenden Kraft, die uns ja unbekannt ist, dürfen wir den
Hergang der Witzbildung, also die Witztechnik dieses Falles, beschreiben als eine Verdichtung
mit Ersatzbildung, und zwar besteht in unserem Beispiel die Ersatzbildung in der Herstellung
eines Mischwortes. Dieses Mischwort »famillionär«, an sich unverständlich, in dem
Zusammenhange, in dem es steht, sofort verstanden und als sinnreich erkannt, ist nun der Träger
der zum Lachen zwingenden Wirkung des Witzes, deren Mechanismus uns allerdings durch die
Aufdeckung der Witztechnik in keiner Weise nähergebracht wird. Inwiefern kann ein
sprachlicher Verdichtungsvorgang mit Ersatzbildung durch ein Mischwort uns Lust schaffen und
zum Lachen nötigen? Wir merken, dies ist ein anderes Problem, dessen Behandlung wir
aufschieben dürfen, bis wir einen Zugang zu ihm gefunden haben. Vorläufig werden wir bei der
Technik des Witzes bleiben.
Unsere Erwartung, daß die Technik des Witzes für die Einsicht in das Wesen desselben nicht
gleichgültig sein könne, veranlaßt uns zunächst zu forschen, ob es noch andere Witzbeispiele
gibt, die wie Heines »famillionär« gebaut sind. Es gibt deren nun nicht sehr viele, aber immerhin
genug, um eine kleine Gruppe, die durch die Mischwortbildung charakterisiert ist, aufzustellen.
Heine selbst hat aus dem Worte Millionär einen zweiten Witz gezogen, sich gleichsam selbst
kopiert, indem er von einem »Millionarr« spricht (›Ideen‹, Kapitel XIV), was eine durchsichtige
Zusammenziehung von Millionär und Narr ist und ganz ähnlich wie das erste Beispiel einen
unterdrückten Nebengedanken zum Ausdruck bringt.
Andere Beispiele, die mir bekannt geworden sind: Die Berliner heißen einen gewissen Brunnen
in ihrer Stadt, dessen Errichtung dem Oberbürgermeister Forckenbeck viel Ungnade zugezogen
hat, das »Forckenbecken«, und dieser Bezeichnung ist der Witz nicht abzusprechen, wenngleich
das Wort »Brunnen« erst eine Wandlung in das ungebräuchliche »Becken« erfahren mußte, um
mit dem Namen in einem Gemeinsamen zusammenzutreffen. – Der böse Witz Europas hatte einst
einen Potentaten aus Leopold in Cleopold umgetauft wegen seiner damaligen Beziehungen zu
einer Dame mit dem Vornamen Cleo, eine unzweifelhafte Verdichtungsleistung, die nun mit dem
Aufwand eines einzigen Buchstabens eine ärgerliche Anspielung immer frisch erhält. –
Eigennamen verfallen überhaupt leicht dieser Bearbeitung der Witztechnik: In Wien gab es zwei
Brüder, namens Salinger, von denen einer Börsensensal war. Das gab die Handhabe, den einen
Bruder Sensalinger zu nennen, während für den anderen zur Unterscheidung die
unliebenswürdige Bezeichnung Scheusalinger in Aufnahme kam. Es war bequem und gewiß
witzig; ich weiß nicht, ob es berechtigt war. Der Witz pflegt danach nicht viel zu fragen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin