Page - 939 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Folgender Verdichtungswitz wurde mir erzählt: Ein junger Mann, der bisher in der Fremde ein
heiteres Leben geführt, besucht nach längerer Abwesenheit einen hier wohnenden Freund, der
nun mit Überraschung den Ehering an der Hand des Besuchers bemerkt. Was? ruft er aus, Sie
sind verheiratet? Ja, lautet die Antwort: Trauring, aber wahr. Der Witz ist vortrefflich; in dem
Worte »Trauring« kommen die beiden Komponenten, das Wort: Ehering in Trauring gewandelt
und der Satz: Traurig, aber wahr, zusammen.
Es tut der Wirkung des Witzes hier keinen Eintrag, daß das Mischwort eigentlich nicht ein
unverständliches, sonst nicht existenzfähiges Gebilde ist wie »famillionär«, sondern sich
vollkommen mit dem einen der beiden verdichteten Elemente deckt.
Zu einem Witz, der wiederum dem »famillionär« ganz analog ist, habe ich selbst im Gespräche
unabsichtlich das Material geliefert. Ich erzählte einer Dame von den großen Verdiensten eines
Forschers, den ich für einen mit Unrecht Verkannten halte. »Aber der Mann verdient doch ein
Monument«, meinte sie. »Möglich, daß er es einmal bekommen wird«, antwortete ich, »aber
momentan ist sein Erfolg sehr gering.« »Monument« und »momentan« sind Gegensätze. Die
Dame vereinigt nun die Gegensätze: Also wünschen wir ihm einen monumentanen Erfolg.
Einer vortrefflichen Bearbeitung des gleichen Themas in englischer Sprache (A. A. Brill,
›Freud’s Theory of Wit‹, 1911) verdanke ich einige fremdsprachige Beispiele, die den gleichen
Mechanismus der Verdichtung zeigen wie unser »famillionär«.
Der englische Autor de Quincey, erzählt Brill, hat irgendwo die Bemerkung gemacht, daß alte
Leute dazu neigen, in »anecdotage« zu verfallen. Das Wort ist zusammengeschmolzen aus den
sich teilweise überdeckenden
anecdote und dotage (kindisches Gefasel).In einer anonymen
kurzen Geschichte fand Brill einmal die Weihnachtszeit bezeichnet als »the alcoholidays«. Die
gleiche Verschmelzung aus
alcohol und holidays (Festtage).Als Flaubert seinen berühmten
Roman Salammbo, der im alten Karthago spielt, veröffentlicht hatte, verspottete ihn
Sainte-Beuve als Carthaginoiserie wegen seiner peinlichen Detailmalerei:
Carthaginois chinoiserie.Das vorzüglichste Witzbeispiel
dieser Gruppe hat einen der ersten Männer Österreichs zum Urheber, der nach bedeutsamer
wissenschaftlicher und öffentlicher Tätigkeit nun ein oberstes Amt im Staate bekleidet. Ich habe
mir die Freiheit genommen, die Witze, die dieser Person zugeschrieben werden und in der Tat
alle das gleiche Gepräge tragen, als Material für diese Untersuchungen zu verwenden[6], vor
allem darum, weil es schwergehalten hätte, sich ein besseres zu verschaffen.
Herr N. wird eines Tages auf die Person eines Schriftstellers aufmerksam gemacht, der durch
eine Reihe von wirklich langweiligen Aufsätzen bekannt geworden ist, welche er in einer Wiener
Tageszeitung veröffentlicht hat. Die Aufsätze behandeln durchweg kleine Episoden aus den
Beziehungen des ersten Napoleon zu Österreich. Der Verfasser ist rothaarig. Herr N. fragt, sobald
er den Namen gehört hat: »Ist das nicht der rote Fadian, der sich durch die Geschichte der
Napoleoniden zieht?«
Um die Technik dieses Witzes zu finden, müssen wir auf ihn jenes Reduktionsverfahren
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin