Page - 940 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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anwenden, welches den Witz durch Änderung des Ausdruckes aufhebt und dafür den
ursprünglichen vollen Sinn wieder einsetzt, wie er sich aus einem guten Witz mit Sicherheit
erraten läßt. Der Witz des Herrn N. vom roten Fadian ist aus zwei Komponenten hervorgegangen,
aus einem absprechenden Urteil über den Schriftsteller und aus der Reminiszenz an das berühmte
Gleichnis, mit welchem Goethe die Auszüge: ›Aus Ottiliens Tagebuche‹ in den
Wahlverwandtschaften einleitet[7]. Die unmutige Kritik mag gelautet haben: Das also ist der
Mensch, der ewig und immer wieder nur langweilige Feuilletons über Napoleon in Österreich zu
schreiben weiß! Diese Äußerung ist nun gar nicht witzig. Auch der schöne Vergleich Goethes ist
kein witziger und ganz gewiß nicht geeignet, uns zum Lachen zu bringen. Erst wenn diese beiden
in Beziehung zueinander gesetzt werden und dem eigentümlichen Verdichtungs- und
Verschmelzungsprozeß unterliegen, entsteht ein Witz, und zwar von erstem Range[8].
Die Verknüpfung zwischen dem schimpflichen Urteil über den langweiligen Geschichtschreiber
und dem schönen Gleichnis in den Wahlverwandtschaften muß sich aus Gründen, die ich hier
noch nicht verständlich machen kann, auf weniger einfache Weise hergestellt haben als in vielen
ähnlichen Fällen. Ich werde es versuchen, den vermutlichen wirklichen Hergang durch folgende
Konstruktion zu ersetzen. Zunächst mag das Element der beständigen Wiederkehr desselben
Themas bei Herrn N. eine leise Reminiszenz an die bekannte Stelle der Wahlverwandtschaften
geweckt haben, die ja zumeist fälschlich mit dem Wortlaut »es zieht sich wie ein roter Faden«
zitiert wird. Der »rote Faden« des Gleichnisses übt nun eine verändernde Wirkung auf den
Ausdruck des ersten Satzes aus, infolge des zufälligen Umstandes, daß auch der Geschmähte rot,
nämlich rothaarig ist. Es mag nun gelautet haben: Also dieser rote Mensch ist es, der die
langweiligen Feuilletons über Napoleon schreibt. Nun griff der Prozeß ein, der die Verdichtung
beider Stücke zu einem bezweckte. Unter dem Drucke desselben, der in der Gleichheit des
Elements »rot« den ersten Stützpunkt gefunden hatte, assimilierte sich das »langweilig« dem
»Faden« und verwandelte sich in »fad«, und nun konnten die beiden Komponenten verschmelzen
zu dem Wortlaut des Witzes, an welchem diesmal das Zitat fast mehr Anteil hat als das gewiß
ursprünglich allein vorhandene schmähende Urteil.
»Also dieser rote Mensch ist es, der das fade Zeug über N. schreibt. Der rote Faden, der sich
durch alles hindurchzieht. Ist das nicht der rote Fadian, der sich durch die Geschichte der N.
zieht?«Eine Rechtfertigung, aber auch eine Korrektur dieser Darstellung werde ich in einem
späteren Abschnitt geben, wenn ich diesen Witz von anderen als bloß formalen Gesichtspunkten
her analysieren darf. Was immer aber an ihr zweifelhaft sein möge, die Tatsache, daß hier eine
Verdichtung vorgefallen ist, kann nicht in Zweifel gezogen werden. Das Ergebnis der
Verdichtung ist einerseits wiederum eine erhebliche Verkürzung, anderseits anstatt einer
auffälligen Mischwortbildung vielmehr eine Durchdringung der Bestandteile beider
Komponenten. »Roter Fadian« wäre immerhin als bloßes Schimpfwort existenzfähig; es ist in
unserem Falle sicherlich ein Verdichtungsprodukt.
Wenn nun an dieser Stelle zuerst ein Leser unwillig würde über eine Betrachtungsweise, die ihm
das Vergnügen am Witz zu zerstören droht, ohne ihm aber die Quelle dieses Vergnügens
aufklären zu können, so würde ich ihn zunächst um Geduld bitten. Wir stehen erst bei der
Technik des Witzes, deren Untersuchung ja auch Aufschlüsse verspricht, wenn wir sie erst weit
genug ausgedehnt haben.
Wir sind durch die Analyse des letzten Beispiels vorbereitet darauf, daß, wenn wir dem
Verdichtungsvorgang noch in anderen Beispielen begegnen, der Ersatz des Unterdrückten nicht
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin