Page - 945 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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entgegentreten? Es scheint so zu sein; die nachfolgenden Beispiele von Witzen werden es
erweisen.
Man kann zunächst dasselbe Material von Worten nehmen und nur etwas an der Anordnung
derselben ändern. Je geringer die Abänderung ist, je eher man den Eindruck empfängt,
verschiedener Sinn sei doch mit denselben Worten gesagt worden, desto besser ist in technischer
Hinsicht der Witz.
D. Spitzer (Wiener Spaziergänge):
»Das Ehepaar X lebt auf ziemlich großem Fuße. Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel
verdient und sich dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder soll sich die Frau etwas
zurückgelegt und dabei viel verdient haben.«
Ein geradezu diabolisch guter Witz! Und mit wie geringen Mitteln er hergestellt ist! Viel verdient
– sich etwas zurückgelegt, sich etwas zurückgelegt – viel verdient; es ist eigentlich nichts als eine
Umstellung dieser beiden Phrasen, wodurch sich das vom Manne Ausgesagte von dem über die
Frau Angedeuteten unterscheidet. Allerdings ist dies auch hier wiederum nicht die ganze Technik
dieses Witzes[14].
Ein reicher Spielraum eröffnet sich der Witztechnik, wenn man die »mehrfache Verwendung des
gleichen Materials« dahin ausdehnt, daß das Wort – oder die Worte –, an denen der Witz haftet,
das eine Mal unverändert, das andere Mal mit einer kleinen Modifikation gebraucht werden dürfe.
Z.
B. ein anderer Witz des Herrn N.:
Er hört von einem Herrn, der selbst als Jude geboren ist, eine gehässige Äußerung über jüdisches
Wesen. »Herr Hofrat«, meint er, »Ihr Antesemitismus war mir bekannt, Ihr Antisemitismus ist
mir neu.«
Hier ist nur ein einziger Buchstabe verändert, dessen Modifikation bei sorgloser Aussprache
kaum bemerkt wird. Das Beispiel erinnert an die anderen Modifikationswitze des Herrn N. (s.
S. 28
f.), aber zum Unterschiede von ihnen fehlt ihm die Verdichtung; es ist im Witze selbst alles
gesagt, was gesagt werden soll. »Ich weiß, daß Sie früher selbst Jude waren; es wundert mich
also, daß gerade Sie über Juden schimpfen.«
Ein vortreffliches Beispiel eines solchen Modifikationswitzes ist auch der bekannte Ausruf:
Traduttore – Traditore!
Die fast bis zur Identität gehende Ähnlichkeit der beiden Worte ergibt eine sehr eindrucksvolle
Darstellung der Notwendigkeit, die den Übersetzer zum Frevler an seinem Autor werden läßt[15].
Die Mannigfaltigkeit der möglichen leisen Modifikationen ist bei diesen Witzen so groß, daß
keiner mehr ganz dem anderen gleicht.
Hier ein Witz, der sich bei einem rechtswissenschaftlichen Examen zugetragen haben soll! Der
Kandidat soll eine Stelle des Corpus juris übersetzen. »Labeo ait« … Ich falle, sagt er … Sie
fallen, sag’ ich, erwidert der Prüfer, und die Prüfung ist zu Ende. Wer den Namen des großen
Rechtsgelehrten für eine, zudem falsch erinnerte, Vokabel verkennt, verdient freilich nichts
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin