Page - 949 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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(vgl. S. 35). Außerdem ist hier wiederum das Kunststück vollbracht, einen Begriff durch seinen
Wortlaut zu definieren (vgl. Eifersucht ist eine Leidenschaft usw.), genauer beschrieben, zwei
korrelative Begriffe durcheinander, wenn auch negativ, zu definieren, was eine kunstvolle
Verschränkung ergibt. Endlich kann man den Gesichtspunkt der Unifizierung auch hier
hervorheben, die Herstellung eines innigeren Zusammenhanges zwischen den Elementen der
Aussage, als man nach deren Natur zu erwarten ein Recht hätte.
Heine in der Harzreise: »Der Pedell Sch. grüßte mich sehr kollegialisch, denn er ist ebenfalls
Schriftsteller und hat meiner in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn auch
außerdem oft zitiert hat, und wenn er mich nicht zu Hause fand, immer so gütig war, die Zitation
mit Kreide auf meine Stubentür zu schreiben.«
Der »Wiener Spaziergänger« Daniel Spitzer fand für einen sozialen Typus, der zur Zeit des
Gründertums blühte, die lakonische, aber gewiß auch sehr witzige, biographische Charakteristik:
»Eiserne Stirne – eiserne Kasse – eiserne Krone.« (Letzteres ein Orden, mit dessen Verleihung
der Adelsstand verknüpft war.) Eine ganz ausgezeichnete Unifizierung, alles gleichsam aus
Eisen! Die verschiedenen, aber nicht sehr auffällig miteinander kontrastierenden Bedeutungen
des Beiwortes »eisern« ermöglichen diese »mehrfachen Verwendungen«.
Ein anderes Wortspiel mag uns den Übergang zu einer neuen Unterart der Doppelsinntechnik
erleichtern. Der auf Seite 38 erwähnte witzige Kollege ließ sich zur Zeit des Dreyfushandels den
Witz zuschulden kommen:
»Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus. Die Armee glaubt nicht an ihre Unschuld.«
Das Wort »Unschuld«, auf dessen Doppelsinn der Witz aufgebaut ist, hat in dem einen
Zusammenhang den gebräuchlichen Sinn mit dem Gegensatz: Verschulden, Verbrechen, in dem
anderen aber einen sexuellen Sinn, dessen Gegensatz sexuelle Erfahrung ist. Nun gibt es sehr
viele derartige Beispiele von Doppelsinn, und in ihnen allen kommt es für die Wirkung des
Witzes ganz besonders auf den sexuellen Sinn an. Man könnte für diese Gruppe etwa die
Bezeichnung »Zweideutigkeit« reservieren.
Ein ausgezeichnetes Beispiel solch eines zweideutigen Witzes ist der auf Seite 34 f. mitgeteilte
von D. Spitzer:
»Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient und sich dabei etwas zurückgelegt
haben, nach anderen wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei viel verdient haben.«
Vergleicht man aber dieses Beispiel von Doppelsinn mit Zweideutigkeit mit anderen, so fällt ein
Unterschied ins Auge, der für die Technik nicht ganz belanglos ist. In dem Witz von der
»Unschuld« liegt der eine Sinn des Wortes unserem Erfassen ebenso nahe wie der andere; man
wüßte wirklich nicht zu unterscheiden, ob die sexuelle oder die nichtsexuelle Bedeutung des
Wortes die gebräuchlichere und uns vertrautere ist. Anders in dem Beispiel von D. Spitzer; in
diesem ist der eine, banale, Sinn der Worte »sich etwas zurückgelegt« der bei weitem
aufdringlichere, verdeckt und versteckt gleichsam den sexuellen Sinn, der einem Arglosen etwa
gar entgehen könnte. Setzen wir zum scharfen Gegensatz ein anderes Beispiel von Doppelsinn
hin, in dem auf solches Verstecken der sexuellen Bedeutung verzichtet ist, z. B. Heines
Charakterschilderung einer gefälligen Dame: »Sie konnte nichts abschlagen außer ihr Wasser.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin