Page - 954 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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aber vortreffliche Verdichtungswitze mit Mischwortbildung. (Ich liege hier auf der Lauer, um
Kalauer zu machen.)
Jedenfalls aber entnehmen wir schon aus den Streitigkeiten über die Abgrenzung von Kalauer
und Wortspiel, daß ersterer uns nicht zur Kenntnis einer völlig neuen Witztechnik verhelfen
kann. Wenn beim Kalauer auch der Anspruch auf die mehrsinnige Verwendung des nämlichen
Materials aufgegeben ist, so fällt doch der Akzent auf das Wiederfinden des Bekannten, auf die
Übereinstimmung der beiden dem Kalauer dienenden Worte, und somit ist dieser nur eine
Unterart der Gruppe, die im eigentlichen Wortspiel ihren Gipfel erreicht.
[6]
Es gibt aber wirklich Witze, deren Technik fast jegliche Anknüpfung an die der bisher
betrachteten Gruppen vermissen läßt.
Man erzählt von Heine, daß er sich eines Abends in einem Pariser Salon mit dem Dichter Soulié
befunden und unterhalten habe, unterdessen tritt einer jener Pariser Geldkönige in den Saal, die
man nicht bloß um des Geldes willen mit Midas vergleicht, und sieht sich bald von einer Menge
umringt, die ihn mit größter Ehrerbietung behandelt. »Sehen Sie doch«, sagt Soulié zu Heine,
»wie dort das neunzehnte Jahrhundert das goldene Kalb anbetet.« Mit einem Blick auf den
Gegenstand der Verehrung antwortet Heine, gleichsam berichtigend: »Oh, der muß schon älter
sein« (K. Fischer, 1889, S. 82–3).
Worin ist nun die Technik dieses ausgezeichneten Witzes gelegen? In einem Wortspiel, meint
K. Fischer: »So kann z. B. das Wort ›goldenes Kalb‹ den Mammon und auch den Götzendienst
bedeuten, im ersten Falle ist das Gold, im zweiten das Tierbild die Hauptsache; es kann auch
dazu dienen, um nicht eben schmeichelhaft jemand zu bezeichnen, der sehr viel Geld und sehr
wenig Verstand hat« (loc. cit.). Wenn wir die Probe machen und den Ausdruck »goldenes Kalb«
wegschaffen, heben wir allerdings auch den Witz auf. Wir lassen dann Soulié sagen: »Sehen Sie
doch, wie die Leute den dummen Kerl umschwärmen, bloß weil er reich ist«, und das ist freilich
gar nicht mehr witzig. Heines Antwort wird dann auch unmöglich.
Aber wir wollen uns besinnen, daß es ja sich gar nicht um den etwa witzigen Vergleich Souliés,
sondern um die Antwort Heines handelt, die gewiß weit witziger ist. Dann haben wir kein Recht,
an die Phrase vom goldenen Kalb zu rühren, dieselbe bleibt als Voraussetzung für die Worte
Heines bestehen und die Reduktion darf nur diese letzteren betreffen. Wenn wir diese Worte:
»Oh, der muß schon älter sein«, ausführen, können wir sie nur etwa so ersetzen: »Oh, das ist kein
Kalb mehr, das ist schon ein ausgewachsener Ochs.« Für den Witz Heines erübrigte also, daß er
das »goldene Kalb« nicht mehr metaphorisch, sondern persönlich genommen, auf den
Geldmenschen selbst bezogen hätte. Wenn dieser Doppelsinn nicht etwa schon in der Meinung
Souliés enthalten war!
Wie aber? Nun glauben wir zu bemerken, daß diese Reduktion den Witz Heines nicht völlig
vernichtet, vielmehr dessen Wesentliches unangetastet gelassen habe. Es lautet jetzt so, daß
Soulié sagt: »Sehen Sie doch, wie dort das neunzehnte Jahrhundert das goldene Kalb anbetet!«
und Heine zur Antwort gibt: »Oh, das ist kein Kalb mehr, das ist schon ein Ochs.« Und in dieser
reduzierten Fassung ist es noch immer ein Witz. Eine andere Reduktion der Worte Heines ist aber
nicht möglich.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin