Page - 956 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Was läßt sich sonst Bemerkenswertes über die Antwort des Verarmten sagen? Daß ihr in
eigentlich auffälliger Weise der Charakter des Logischen verliehen ist. Mit Unrecht aber, die
Antwort ist ja unlogisch. Der Mann verteidigt sich dagegen, daß er das ihm geliehene Geld für
den Leckerbissen verwendet hat, und fragt mit einem Schein von Recht – wann er denn eigentlich
Lachs essen darf. Aber das ist gar nicht die richtige Antwort; der Geldgeber wirft ihm nicht vor,
daß er sich den Lachs gerade an dem Tage gegönnt, an dem er sich das Geld geborgt, sondern
mahnt ihn daran, daß er in seinen Verhältnissen überhaupt nicht das Recht habe, an solche
Leckerbissen zu denken. Diesen einzig möglichen Sinn des Vorwurfes läßt der verarmte
Bonvivant unberücksichtigt, antwortet, als ob er den Vorwurf mißverstanden hätte, auf etwas
anderes.
Wenn nun gerade in dieser Ablenkung der Antwort von dem Sinn des Vorwurfes die Technik
dieses Witzes gelegen wäre? Eine ähnliche Veränderung des Standpunktes, Verschiebung des
psychischen Akzents wäre dann vielleicht auch in den beiden früheren Beispielen, die wir als
verwandt empfunden haben, nachzuweisen.
Siehe da, dieser Nachweis gelingt ganz leicht und deckt in der Tat die Technik dieser Beispiele
auf. Soulié macht Heine darauf aufmerksam, daß die Gesellschaft im neunzehnten Jahrhundert
das »goldene Kalb« anbetet, geradeso wie einst das Volk der Juden in der Wüste. Dazu paßte
eine Antwort von Heine etwa wie: »Ja, so ist die menschliche Natur, die Jahrtausende haben an
ihr nichts geändert«, oder irgendetwas anderes Beipflichtendes. Heine lenkt aber in seiner
Antwort von dem angeregten Gedanken ab, er antwortet überhaupt nicht darauf, er bedient sich
des Doppelsinnes, dessen die Phrase »goldenes Kalb« fähig ist, um einen Seitenweg
einzuschlagen, greift den einen Bestandteil der Phrase, das »Kalb«, auf und antwortet, als ob auf
dieses der Akzent in der Rede Souliés gefallen wäre: »Oh, das ist kein Kalb mehr« usw.[20]
Noch deutlicher ist die Ablenkung im Badewitz. Dieses Beispiel fordert eine graphische
Darstellung heraus.
Der erste fragt: »Hast du genommen ein Bad?« Der Akzent ruht auf dem Element Bad.
Der zweite antwortet, als hätte die Frage gelautet: »Hast du genommen ein Bad?«
Der Wortlaut »genommen ein Bad?« soll nur diese Verschiebung des Akzents ermöglichen.
Lautete es: »Hast du gebadet?« so wäre ja jede Verschiebung unmöglich. Die unwitzige Antwort
wäre dann: »Gebadet? Was meinst du? Ich weiß nicht, was das ist.« Die Technik des Witzes aber
liegt in der Verschiebung des Akzents von »Baden« auf »nehmen«[21].
Kehren wir zum Beispiel »Lachs mit Mayonnaise« als dem reinsten zurück. Das Neue an
demselben darf uns nach verschiedenen Richtungen beschäftigen. Zunächst müssen wir die hier
aufgedeckte Technik mit einem Namen belegen. Ich schlage vor, sie als Verschiebung zu
bezeichnen, weil das Wesentliche an ihr die Ablenkung des Gedankenganges, die Verschiebung
des psychischen Akzents auf ein anderes als das angefangene Thema ist. Sodann obliegt uns die
Untersuchung, in welchem Verhältnis die Verschiebungstechnik zum Ausdruck des Witzes steht.
Unser Beispiel (Lachs mit Mayonnaise) läßt uns erkennen, daß der Verschiebungswitz in hohem
Grade unabhängig vom wörtlichen Ausdruck ist. Er hängt nicht am Worte, sondern am
Gedankengange. Um ihn wegzuschaffen, fruchtet uns keine Ersetzung der Worte bei Festhaltung
des Sinnes der Antwort. Die Reduktion ist nur möglich, wenn wir den Gedankengang abändern
und den Feinschmecker auf den Vorwurf direkt antworten lassen, welchem er in der Fassung des
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin