Page - 957 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 957 -
Text of the Page - 957 -
Witzes ausgewichen ist. Die reduzierte Fassung würde dann lauten: »Was mir schmeckt, kann ich
mir nicht versagen, und woher ich das Geld dafür nehme, ist mir gleichgültig. Da haben Sie die
Erklärung, warum ich gerade heute Lachs mit Mayonnaise esse, nachdem Sie mir Geld geliehen
haben.« – Das wäre aber kein Witz, sondern ein Zynismus.
Es ist lehrreich, diesen Witz mit einem ihm dem Sinne nach sehr nahestehenden zu vergleichen:
Ein Mann, der dem Trunk ergeben ist, ernährt sich in einer kleinen Stadt durch Lektionengeben.
Sein Laster wird aber allmählich bekannt, und er verliert infolgedessen die meisten seiner
Schüler. Ein Freund wird beauftragt, ihn zur Besserung zu mahnen. »Sehen Sie, Sie könnten die
schönsten Lektionen in der Stadt haben, wenn Sie das Trinken aufgeben wollten. Also tun Sie’s
doch.« – »Wie kommen Sie mir vor?« ist die entrüstete Antwort. »Ich geb’ Lektionen, damit ich
trinken kann; soll ich das Trinken aufgeben, damit ich Lektionen bekomme!«
Auch dieser Witz trägt den Anschein von Logik, der uns bei »Lachs mit Mayonnaise« aufgefallen
ist, aber er ist kein Verschiebungswitz mehr. Die Antwort ist eine direkte. Der Zynismus, der dort
verhüllt ist, wird hier offen eingestanden. – »Das Trinken ist mir ja die Hauptsache.« Die Technik
dieses Witzes ist eigentlich recht armselig und kann uns dessen Wirkung nicht erklären, sie liegt
nur in der Umordnung des gleichen Materials, strenger genommen in der Umkehrung der Mittel-
und Zweck-Relation zwischen dem Trinken und dem Lektionengeben oder -bekommen. Sowie
ich in der Reduktion dieses Moment im Ausdruck nicht mehr betone, habe ich den Witz
verwischt, also etwa so: »Was ist das für unsinnige Zumutung? Mir ist doch das Trinken die
Hauptsache, nicht die Lektionen. Die Lektionen sind für mich doch nur ein Mittel, um
weitertrinken zu können.« Der Witz haftete also wirklich am Ausdruck.
Im Badewitz ist die Abhängigkeit des Witzes vom Wortlaut (Hast du genommen ein Bad?)
unverkennbar, und die Abänderung desselben bringt die Aufhebung des Witzes mit sich. Die
Technik ist hier nämlich eine kompliziertere, eine Verbindung von Doppelsinn (von der
Unterart f) und Verschiebung. Der Wortlaut der Frage läßt einen Doppelsinn zu, und der Witz
kommt dadurch zustande, daß die Antwort nicht an den vom Fragesteller beabsichtigten, sondern
an den Nebensinn anknüpft. Wir sind demgemäß imstande, eine Reduktion zu finden, welche den
Doppelsinn im Ausdruck bestehen läßt und doch den Witz aufhebt, indem wir bloß die
Verschiebung rückgängig machen:
»Hast du genommen ein Bad?« – »Was soll ich genommen haben? Ein Bad? Was ist das?« Das
ist aber kein Witz mehr, sondern eine gehässige oder scherzhafte Übertreibung.
Eine ganz ähnliche Rolle spielt der Doppelsinn im Heineschen Witz über das »goldene Kalb«. Er
ermöglicht der Antwort die Ablenkung von dem angeregten Gedankengang, welche im Witz von
Lachs mit Mayonnaise ohne solche Anlehnung an den Wortlaut geschieht. In der Reduktion
würden die Rede Souliés und die Antwort Heines etwa lauten: »Es erinnert doch lebhaft an die
Anbetung des goldenen Kalbes, wie die Gesellschaft hier den Mann, bloß weil er so reich ist,
umschwärmt.« Und Heine: »Daß er wegen seines Reichtums so gefeiert wird, finde ich nicht das
ärgste. Aber Sie betonen mir zu wenig, daß man ihm wegen seines Reichtums seine Dummheit
verzeiht.« Damit wäre bei Erhaltung des Doppelsinnes der Verschiebungswitz aufgehoben.
An dieser Stelle dürfen wir uns auf den Einwand gefaßt machen, daß uns vorgehalten werde,
diese heikeln Unterscheidungen suchen auseinanderzureißen, was doch zusammengehöre. Gibt
nicht jeder Doppelsinn Anlaß zu einer Verschiebung, zu einer Ablenkung des Gedankenganges
957
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin