Page - 958 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 958 -
Text of the Page - 958 -
von dem einen Sinn zum anderen? Und wir sollten damit einverstanden sein, daß »Doppelsinn«
und »Verschiebung« als Repräsentanten zweier ganz verschiedener Typen der Witztechnik
aufgestellt werden? Nun, diese Beziehung zwischen Doppelsinn und Verschiebung besteht
allerdings, aber sie hat mit unserer Unterscheidung der Witztechniken nichts zu tun. Beim
Doppelsinn enthält der Witz nichts als ein mehrfacher Deutung fähiges Wort, welches dem Hörer
gestattet, den Übergang von einem Gedanken zu einem anderen zu finden, den man etwa – mit
einigem Zwang – einer Verschiebung gleichstellen kann. Beim Verschiebungswitz aber enthält
der Witz selbst einen Gedankengang, in dem eine solche Verschiebung vollzogen ist; die
Verschiebung gehört hier der Arbeit an, die den Witz hergestellt hat, nicht jener, die zu seinem
Verständnis notwendig ist. Sollte uns dieser Unterschied nicht einleuchten, so haben wir an den
Reduktionsversuchen ein nie versagendes Mittel, uns denselben greifbar vor Augen zu führen.
Einen Wert wollen wir aber jenem Einwand nicht bestreiten. Wir werden durch ihn aufmerksam
gemacht, daß wir die psychischen Vorgänge bei der Bildung des Witzes (die Witzarbeit) nicht
mit den psychischen Vorgängen bei der Aufnahme des Witzes (die Verständnisarbeit)
zusammenwerfen dürfen. Nur die ersteren[22] sind der Gegenstand unserer gegenwärtigen
Untersuchung[23].
Gibt es noch andere Beispiele der Verschiebungstechnik? Sie sind nicht leicht aufzufinden. Ein
ganz reines Beispiel, dem auch die bei unserem Vorbild so sehr überbetonte Logik abgeht, ist
folgender Witz:
Ein Pferdehändler empfiehlt dem Kunden ein Reitpferd: »Wenn Sie dieses Pferd nehmen und
sich um 4 Uhr früh aufsetzen, sind Sie um ½7 Uhr in Preßburg.« – »Was mach’ ich in Preßburg
um ½7 Uhr früh?«
Die Verschiebung ist hier wohl eklatant. Der Händler erwähnt die frühe Ankunft in der kleinen
Stadt offenbar nur in der Absicht, die Leistungsfähigkeit des Pferdes an einer Probe zu beweisen.
Der Kunde sieht von dem Leistungsvermögen des Tieres, das er weiter nicht in Zweifel zieht, ab
und geht bloß auf die Daten des zur Probe gewählten Beispieles ein. Die Reduktion dieses Witzes
ist dann nicht schwer zu geben.
Mehr Schwierigkeiten bietet ein anderes, in seiner Technik recht undurchsichtiges Beispiel,
welches sich aber doch als Doppelsinn mit Verschiebung auflösen läßt. Der Witz erzählt von der
Ausflucht eines Schadchens (jüdischen Heiratsvermittlers), gehört also zu einer Gruppe, die uns
noch mehrfach beschäftigen wird.
Der Schadchen hat dem Bewerber versichert, daß der Vater des Mädchens nicht mehr am Leben
ist. Nach der Verlobung stellt sich heraus, daß der Vater noch lebt und eine Kerkerstrafe abbüßt.
Der Bewerber macht nun dem Schadchen Vorwürfe. »Nun«, meint dieser, »was habe ich Ihnen
gesagt? Ist denn das ein Leben?«
Der Doppelsinn liegt in dem Worte »Leben«, und die Verschiebung besteht darin, daß der
Schadchen sich von dem gemeinen Sinn des Wortes, in dem es den Gegensatz zu »Tod« bildet,
auf den Sinn wirft, den das Wort in der Redensart: Das ist kein Leben, hat. Er erklärt dabei seine
damalige Äußerung nachträglich für doppelsinnig, obwohl diese mehrfache Bedeutung gerade
hier recht fernliegt. Soweit wäre die Technik ähnlich wie im Witz vom »goldenen Kalb« und im
»Badewitz«. Aber es ist hier noch ein anderes Moment zu beachten, welches durch seine
Vordringlichkeit das Verständnis der Technik stört. Man könnte sagen, dieser Witz sei ein
958
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin