Page - 959 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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»charakterisierender«, er bemüht sich, die für den Heiratsvermittler charakteristische Mischung
von verlogener Dreistigkeit und schlagfertigem Witz durch ein Beispiel zu illustrieren. Wir
werden hören, daß dies nur die Schauseite, die Fassade, des Witzes ist; sein Sinn, d.
h. seine
Absicht ist eine andere. Wir schieben es auch auf, eine Reduktion von ihm zu versuchen[24].
Nach diesen komplizierten und schwierig zu analysierenden Beispielen wird es uns wiederum
Befriedigung bereiten, wenn wir in einem Falle ein völlig reines und durchsichtiges Vorbild eines
»Verschiebungswitzes« zu erkennen vermögen. Ein Schnorrer trägt dem reichen Baron seine
Bitte um Gewährung einer Unterstützung für die Reise nach Ostende vor; die Ärzte hätten ihm
Seebäder zur Herstellung seiner Gesundheit empfohlen. »Gut, ich will Ihnen etwas dazu geben«,
meint der Reiche, »aber müssen Sie gerade nach Ostende gehen, dem teuersten aller Seebäder?«
– »Herr Baron«, lautet die zurechtweisende Antwort, »für meine Gesundheit ist mir nichts zu
teuer.« – Gewiß, ein richtiger Standpunkt, nur eben nicht richtig für den Bittsteller. Die Antwort
ist vom Standpunkt eines reichen Mannes gegeben. Der Schnorrer benimmt sich, als wäre es sein
eigenes Geld, das er für seine Gesundheit opfern soll, als gingen Geld und Gesundheit die
nämliche Person an.
[7]
Knüpfen wir nun von neuem an das so lehrreiche Beispiel »Lachs mit Mayonnaise« an. Es kehrte
uns gleichfalls eine Schauseite zu, an welcher ein auffälliges Aufgebot von logischer Arbeit zu
bemerken war, und wir haben durch die Analyse erfahren, daß diese Logik einen Denkfehler,
nämlich eine Verschiebung des Gedankenganges zu verdecken hatte. Von hier aus mögen wir,
wenn auch nur auf dem Wege der Kontrastverknüpfung, an andere Witze gemahnt werden, die
ganz im Gegenteil etwas Widersinniges, einen Unsinn, eine Dummheit unverhüllt zur Schau
stellen. Wir werden neugierig sein, worin die Technik dieser Witze bestehen mag.
Ich stelle das stärkste und zugleich reinste Beispiel der ganzen Gruppe voran. Es ist wiederum ein
Judenwitz.
Itzig ist zur Artillerie assentiert worden. Er ist offenbar ein intelligenter Bursche, aber ungefügig
und ohne Interesse für den Dienst. Einer seiner Vorgesetzten, der ihm wohlgesinnt ist, nimmt ihn
beiseite und sagt ihm: »Itzig, du taugst nicht zu uns. Ich will dir einen Rat geben: Kauf dir eine
Kanon’ und mach’ dich selbständig.«
Der Rat, über den man herzlich lachen kann, ist ein offenbarer Unsinn. Es gibt doch keine
Kanonen zu kaufen, und ein einzelner kann sich als Wehrkraft unmöglich selbständig machen,
gleichsam »etablieren«. Es kann uns aber keinen Moment zweifelhaft bleiben, daß dieser Rat
kein bloßer Unsinn ist, sondern ein witziger Unsinn, ein vorzüglicher Witz. Wodurch wird also
der Unsinn zum Witz?
Wir brauchen nicht lange zu überlegen. Aus den in der Einleitung angedeuteten Erörterungen der
Autoren können wir erraten, daß in solchem witzigen Unsinn ein Sinn steckt und daß dieser Sinn
im Unsinn den Unsinn zum Witz macht. Der Sinn in unserem Beispiel ist leicht zu finden. Der
Offizier, welcher dem Artilleristen Itzig den unsinnigen Rat gibt, stellt sich nur dumm, um Itzig
zu zeigen, wie dumm er selbst sich benimmt. Er kopiert den Itzig. »Ich will dir jetzt einen Rat
geben, der genauso dumm ist wie du.« Er geht auf Itzigs Dummheit ein und bringt sie ihm zur
Einsicht, indem er sie zur Grundlage eines Vorschlags macht, der Itzigs Wünschen entsprechen
muß, denn besäße Itzig eine eigene Kanone und betriebe das Kriegshandwerk auf eigene
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin