Page - 960 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Rechnung, wie kämen ihm da seine Intelligenz und sein Ehrgeiz zustatten! Wie würde er die
Kanone instand halten und sich mit ihrem Mechanismus vertraut machen, um die Konkurrenz mit
anderen Kanonenbesitzern zu bestehen!
Ich unterbreche die Analyse dieses Beispiels, um in einem kürzeren und einfacheren, aber minder
grellen Fall von Unsinnswitz den gleichen Sinn des Unsinns nachzuweisen.
»Niemals geboren zu werden, wäre das beste für die sterblichen Menschenkinder.« »Aber«,
setzen die Weisen der Fliegenden Blätter hinzu, »unter 100 000 Menschen passiert dies kaum
einem.«
Der moderne Zusatz zum alten Weisheitsspruch ist ein klarer Unsinn, der durch das anscheinend
vorsichtige »kaum« noch dümmer wird. Aber er knüpft als unbestreitbar richtige Einschränkung
an den ersten Satz an, kann uns also die Augen darüber öffnen, daß jene mit Ehrfurcht
vernommene Weisheit auch nicht viel besser als ein Unsinn ist. Wer nie geboren worden ist, ist
überhaupt kein Menschenkind; für den gibt es kein Gutes und kein Bestes. Der Unsinn im Witze
dient also hier zur Aufdeckung und Darstellung eines anderen Unsinns wie im Beispiel vom
Artilleristen Itzig.
Ich kann hier ein drittes Beispiel anfügen, welches durch seinen Inhalt die ausführliche
Mitteilung, die es erfordert, kaum verdienen würde, aber gerade wieder die Verwendung des
Unsinns im Witze zur Darstellung eines anderen Unsinns besonders deutlich erläutert:
Ein Mann, der verreisen muß, vertraut seine Tochter einem Freunde an mit der Bitte, während
seiner Abwesenheit über ihre Tugend zu wachen. Er kommt nach Monaten zurück und findet sie
geschwängert. Natürlich macht er dem Freund Vorwürfe. Der kann sich den Unglücksfall
angeblich nicht erklären. »Wo hat sie denn geschlafen?« fragt endlich der Vater. – »Im Zimmer
mit meinem Sohn.« – »Aber wie kannst du sie im selben Zimmer mit deinem Sohn schlafen
lassen, nachdem ich dich so gebeten habe, sie zu behüten?« – »Es war doch eine spanische Wand
zwischen ihnen. Da war das Bett von deiner Tochter, da das Bett von meinem Sohn und
dazwischen die spanische Wand.« – »Und wenn er um die spanische Wand herumgegangen ist?«
– »Außer das«, meint der andere nachdenklich. »So wäre es möglich.«
Von diesem, seinen sonstigen Qualitäten nach recht geringen Witz gelangen wir am leichtesten
zur Reduktion. Sie würde offenbar lauten: Du hast kein Recht, mir Vorwürfe zu machen. Wie
kannst du denn so dumm sein, deine Tochter in ein Haus zu geben, in dem sie in der beständigen
Gesellschaft eines jungen Mannes leben muß? Als ob es einem Fremden möglich wäre, unter
solchen Umständen für die Tugend eines Mädchens einzustehen! Die scheinbare Dummheit des
Freundes ist also auch hier nur die Spiegelung der Dummheit des Vaters. Durch die Reduktion
haben wir die Dummheit im Witze und mit ihr den Witz selbst beseitigt. Das Element
»Dummheit« selbst sind wir nicht losgeworden; es findet im Zusammenhange des auf seinen
Sinn reduzierten Satzes eine andere Stelle.
Nun können wir auch die Reduktion des Witzes von der Kanone versuchen. Der Offizier hätte zu
sagen: »Itzig, ich weiß, du bist ein intelligenter Geschäftsmann. Aber ich sage dir, es ist eine
große Dummheit, wenn du nicht einsiehst, daß es beim Militär unmöglich so zugehen kann wie
im Geschäftsleben, wo jeder auf eigene Faust und gegen den anderen arbeitet. Beim Militär heißt
es sich unterordnen und zusammenwirken.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin