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daß auch andere Denkfehler eine gleiche Verwendung finden können. Wirklich lassen sich einige
Beispiele von dieser Art angeben:
Ein Herr kommt in eine Konditorei und läßt sich eine Torte geben; bringt dieselbe aber bald
wieder und verlangt an ihrer Statt ein Gläschen Likör. Dieses trinkt er aus und will sich
entfernen, ohne gezahlt zu haben. Der Ladenbesitzer hält ihn zurück. »Was wollen Sie von mir?«
– »Sie sollen den Likör bezahlen.« – »Für den habe ich Ihnen ja die Torte gegeben.« – »Die
haben Sie ja auch nicht bezahlt.« – »Die habe ich ja auch nicht gegessen.«
Auch dieses Geschichtchen trägt den Schein von Logik zur Schau, den wir als geeignete Fassade
für einen Denkfehler bereits kennen. Der Fehler liegt offenbar darin, daß der schlaue Kunde
zwischen dem Zurückgeben der Torte und dem Dafürnehmen des Likörs eine Beziehung
herstellt, die nicht besteht. Der Sachverhalt zerfällt vielmehr in zwei Vorgänge, die für den
Verkäufer voneinander unabhängig sind, nur in seiner eigenen Absicht im Verhältnisse des
Ersatzes stehen. Er hat zuerst die Torte genommen und zurückgegeben, für die er also nichts
schuldig ist, dann nimmt er den Likör, und den ist er schuldig zu bezahlen. Man kann sagen, der
Kunde wende die Relation »dafür« doppelsinnig an; richtiger, er stelle vermittels eines
Doppelsinnes eine Verbindung her, die sachlich nicht stichhaltig ist[25].
Es ist nun die Gelegenheit da, ein nicht unwichtiges Bekenntnis abzulegen. Wir beschäftigen uns
hier mit der Erforschung der Technik des Witzes an Beispielen und sollten also sicher sein, daß
die von uns gewählten Beispiele wirklich richtige Witze sind. Es steht aber so, daß wir in einer
Reihe von Fällen ins Schwanken geraten, ob das betreffende Beispiel ein Witz genannt werden
darf oder nicht. Ein Kriterium steht uns ja nicht zu Gebote, ehe die Untersuchung ein solches
ergeben hat; der Sprachgebrauch ist unzuverlässig und bedarf selbst der Prüfung auf seine
Berechtigung; wir können uns bei der Entscheidung auf nichts anderes stützen als auf eine
gewisse »Empfindung«, welche wir dahin interpretieren dürfen, daß sich in unserem Urteilen die
Entscheidung nach bestimmten Kriterien vollziehe, die unserer Erkenntnis noch nicht zugänglich
sind. Für eine zureichende Begründung werden wir die Berufung auf diese »Empfindung« nicht
ausgeben dürfen. Bei dem letzterwähnten Beispiel werden wir nun zweifeln müssen, ob wir es als
Witz darstellen dürfen, als einen sophistischen Witz etwa, oder als ein Sophisma schlechtweg.
Wir wissen eben noch nicht, worin der Charakter des Witzes liegt.
Hingegen ist das nächstfolgende Beispiel, welches den sozusagen komplementären Denkfehler
aufweist, ein unzweifelhafter Witz. Es ist wiederum eine Heiratsvermittlergeschichte:
Der Schadchen verteidigt das von ihm vorgeschlagene Mädchen gegen die Ausstellungen des
jungen Mannes. »Die Schwiegermutter gefällt mir nicht«, sagt dieser, »sie ist eine boshafte,
dumme Person.« – »Sie heiraten doch nicht die Schwiegermutter, Sie wollen die Tochter.« – »Ja,
aber jung ist sie nicht mehr und schön von Gesicht gerade auch nicht.« – »Das macht nichts; ist
sie nicht jung und schön, wird sie Ihnen um so eher treu bleiben.« – »Geld ist auch nicht viel da.«
– »Wer spricht vom Geld? Heiraten Sie denn das Geld? Sie wollen doch eine Frau!« – »Aber sie
hat ja auch einen Buckel!« – »Nun, was wollen Sie? Gar keinen Fehler soll sie haben.«
Es handelt sich also in Wirklichkeit um ein nicht mehr junges, unschönes Mädchen mit geringer
Mitgift, das eine abstoßende Mutter hat und außerdem mit einer argen Verunstaltung versehen ist.
Gewiß keine zur Eheschließung einladenden Verhältnisse. Der Heiratsvermittler weiß bei jedem
einzelnen dieser Fehler anzugeben, von welchem Gesichtspunkte man sich mit ihm versöhnen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin