Page - 968 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 968 -
Text of the Page - 968 -
Nebensachen bestehen. Letzteres trifft für das zweite Beispiel zu:
Lichtenberg: ›Der große Geist‹.
»Er hatte die Eigenschaften der größten Männer in sich vereinigt, er trug den Kopf schief wie
Alexander, hatte immer etwas in den Haaren zu nesteln wie Cäsar, konnte Kaffee trinken wie
Leibniz, und wenn er einmal recht in seinem Lehnstuhl saß, so vergaß er Essen und Trinken
darüber wie Newton, und man mußte ihn wie diesen wecken; seine Perücke trug er wie Dr.
Johnson, und ein Hosenknopf stand ihm immer offen wie dem Cervantes.«
Ein besonders schönes Beispiel von Darstellung durch das Gegenteil, in welchem auf die
Verwendung doppelsinniger Worte gänzlich verzichtet ist, hat J.
v. Falke von einer Reise nach
Irland heimgebracht. Schauplatz ein Wachsfigurenkabinett, sagen wir Madame Tussaud. Auch
hier ein Führer, der eine Gesellschaft von alt und jung von Figur zu Figur mit seinen
Erläuterungen begleitet. »This is the Duke of Wellington and his horse«, worauf ein junges
Fräulein die Frage stellt: »Which is the Duke of Wellington and which is his horse?« »Just, as you
like, my pretty child«, lautet die Antwort, »you pay the money and you have the choice.«
(Welches ist der Herzog von W. und welches ist sein Pferd? – Wie es Ihnen beliebt, mein schönes
Kind, Sie zahlen Ihr Geld und Sie haben die Wahl.) (1897, S. 271.)
Die Reduktion dieses irischen Witzes würde lauten: Unverschämt, was diese Wachsfigurenleute
dem Publikum zu bieten wagen! Pferd und Reiter sind nicht auseinanderzukennen. (Scherzhafte
Übertreibung.) Und dafür zahlt man sein gutes Geld! Diese entrüstete Äußerung wird nun
dramatisiert, in einem kleinen Vorfall begründet, an Stelle des Publikums im allgemeinen tritt
eine einzelne Dame, die Reiterfigur wird individuell, bestimmt, es muß der in Irland so überaus
populäre Herzog von Wellington sein. Die Unverschämtheit des Besitzers oder Führers aber, der
den Leuten das Geld aus der Tasche zieht und ihnen nichts dafür bietet, wird durch das Gegenteil
dargestellt, durch eine Rede, in welcher er sich als gewissenhaften Geschäftsmann herausstreicht,
dem nichts mehr am Herzen liegt als die Achtung der Rechte, die das Publikum durch die
Zahlung erworben hat. Nun merkt man auch, daß die Technik dieses Witzes keine ganz einfache
ist. Indem ein Weg gefunden wurde, den Schwindler seine Gewissenhaftigkeit beteuern zu lassen,
ist der Witz ein Fall von Darstellung durchs Gegenteil; indem er dies aber bei einem Anlaß tut,
wo man ganz anderes von ihm verlangt, so daß er mit geschäftlicher Solidität antwortet, wo man
Ähnlichkeit der Figuren von ihm erwartet, ist es ein Beispiel von Verschiebung. Die Technik des
Witzes liegt in der Kombination der beiden Mittel.
Von diesem Beispiel ist es nicht weit zu einer kleinen Gruppe, die man als Überbietungswitze
benennen könnte. In ihnen wird das »Ja«, welches in der Reduktion am Platze wäre, durch ein
»Nein« ersetzt, das aber mit einem noch verstärkten »Ja« infolge seines Inhalts gleichwertig ist,
und ebenso im umgekehrten Falle. Der Widerspruch steht an Stelle einer Bestätigung mit
Überbietung; so z. B. das Epigramm von Lessing:
»Die gute Galathee! Man sagt, sie schwärz’ ihr Haar;
Da doch ihr Haar schon schwarz, als sie es kaufte, war.«
Oder die boshafte Scheinverteidigung der Schulweisheit durch Lichtenberg:
968
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin