Page - 970 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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»Sie sind Verräter: ehrenwerte Männer!«
Oder wenn der Simplizissimus eine Sammlung unerhörter Brutalitäten und Zynismen als
Äußerungen von »Gemütsmenschen« überschreibt, so ist das auch eine Darstellung durchs
Gegenteil. Diese heißt man aber »Ironie«, nicht mehr Witz. Der Ironie ist gar keine andere
Technik als die der Darstellung durchs Gegenteil eigentümlich. Überdies liest und hört man vom
ironischen Witz. Es ist also nicht mehr zu bezweifeln, daß die Technik allein nicht hinreicht, den
Witz zu charakterisieren. Es muß noch etwas anderes hinzukommen, das wir bis jetzt nicht
aufgefunden haben. Anderseits steht aber noch immer unwidersprochen da, daß mit der
Rückbildung der Technik der Witz beseitigt ist. Vorläufig mag es uns schwerfallen, die beiden
festen Punkte, die wir für die Aufklärung des Witzes gewonnen haben, miteinander vereint zu
denken.
[11]
Wenn die Darstellung durchs Gegenteil zu den technischen Mitteln des Witzes gehört, so wird
in uns die Erwartung rege, daß der Witz auch von deren Gegenteil, der Darstellung durch
Ähnliches und Verwandtes, Gebrauch machen könne. Die Fortsetzung unserer Untersuchung
kann uns in der Tat belehren, daß dies die Technik einer neuen, ganz besonders umfangreichen
Gruppe von Gedankenwitzen ist. Wir beschreiben die Eigenart dieser Technik weit treffender,
wenn wir anstatt Darstellung durch »Verwandtes« setzen: durch Zusammengehöriges oder
Zusammenhängendes. Wir wollen sogar mit letzterem Charakter den Anfang machen und ihn
sofort durch ein Beispiel erläutern.
Eine amerikanische Anekdote erzählt: Zwei wenig skrupulösen Geschäftsleuten war es gelungen,
sich durch eine Reihe recht gewagter Unternehmungen ein großes Vermögen zu erwerben, und
nun ging ihr Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft aufzudrängen. Unter anderen erschien
es ihnen als ein zweckmäßiges Mittel, sich von dem vornehmsten und teuersten Maler der Stadt,
dessen Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen zu lassen. Auf einer großen Soiree wurden
die kostbaren Bilder zuerst gezeigt, und die beiden Hausherren führten selbst den einflußreichsten
Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Salons, auf welcher die beiden Porträts nebeneinander
aufgehängt waren, um ihm sein bewunderndes Urteil zu entlocken. Der sah die Bilder lange Zeit
an, schüttelte dann den Kopf, als ob er etwas vermissen würde, und fragte bloß, auf den freien
Raum zwischen beiden Bildern deutend: »And where is the Saviour?« (Und wo bleibt der
Heiland? Oder: Ich vermisse da das Bild des Heilands.)
Der Sinn dieser Rede ist klar. Es handelt sich wieder um die Darstellung von etwas, was direkt
nicht ausgedrückt werden kann. Auf welchem Wege kommt diese »indirekte Darstellung«
zustande? Durch eine Reihe leicht sich einstellender Assoziationen und Schlüsse verfolgen wir
den Weg von der Darstellung des Witzes an nach rückwärts.
Die Frage: Wo ist der Heiland, das Bild des Heilands? läßt uns erraten, daß der Redner durch den
Anblick der beiden Bilder an einen ähnlichen, ihm wie uns vertrauten Anblick gemahnt worden
ist, welcher aber als hier fehlendes Element das Bild des Erlösers in der Mitte zwischen zwei
anderen Bildern zeigte. Es gibt nur einen solchen Fall: Christus hängend zwischen den beiden
Schächern. Das Fehlende wird vom Witz hervorgehoben, die Ähnlichkeit haftet an den im Witz
übergangenen Bildern rechts und links vom Heiland. Sie kann nur darin bestehen, daß auch die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin