Page - 971 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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im Salon aufgehängten die Bilder von Schächern sind. Was der Kritiker sagen wollte und nicht
sagen konnte, war also: Ihr seid ein paar Halunken; ausführlicher: Was kümmern mich eure
Bilder? Ihr seid ein paar Halunken, das weiß ich. Und er hat es schließlich über einige
Assoziationen und Schlußfolgerungen auf einem Wege gesagt, den wir als den der Anspielung
bezeichnen.
Wir erinnern uns sofort, daß wir der Anspielung bereits begegnet sind. Beim Doppelsinn
nämlich; wenn von den zwei Bedeutungen, die in demselben Wort ihren Ausdruck finden, die
eine als die häufigere und gebräuchlichere so sehr im Vordergrunde steht, daß sie uns an erster
Stelle einfallen muß, während die andere als die entlegenere zurücksteht, so wollten wir diesen
Fall als Doppelsinn mit Anspielung bezeichnen. Bei einer ganzen Reihe der bisher untersuchten
Beispiele hatten wir angemerkt, daß deren Technik keine einfache sei, und erkennen nun die
Anspielung als deren komplizierendes Moment. (Z. B. vgl. etwa den Umordnungswitz von der
Frau, die sich etwas zurückgelegt und dabei viel verdient hat, oder den Widersinnswitz bei der
Gratulation zum jüngsten Kind, es sei merkwürdig, was Menschenhände alles vermögen, S. 58.)
In der amerikanischen Anekdote haben wir nun die Anspielung frei vom Doppelsinn vor uns und
finden als ihren Charakter die Ersetzung durch etwas im Denkzusammenhange Verbundenes. Es
ist leicht zu erraten, daß der verwertbare Zusammenhang von mehr als einer Art sein kann. Um
uns nicht in der Fülle zu verlieren, werden wir nur die ausgeprägtesten Variationen und diese nur
an wenigen Beispielen erörtern.
Der zur Ersetzung verwendete Zusammenhang kann ein bloßer Anklang sein, so daß diese
Unterart dem Kalauer beim Wortwitz analog wird. Es ist aber nicht der Anklang zweier Worte
aneinander, sondern ganzer Sätze, charakteristischer Wortverbindungen u. dgl.
Z. B. Lichtenberg hat den Spruch geprägt: »Neue Bäder heilen gut«, der uns sofort an das
Sprichwort erinnert: Neue Besen kehren gut, mit dem er die ersten anderthalb Worte, das letzte
und die ganze Struktur des Satzes gemeinsam hat. Er ist auch sicherlich im Kopfe des witzigen
Denkers als Nachbildung des bekannten Sprichwortes entstanden. Der Spruch Lichtenbergs wird
so zur Anspielung auf das Sprichwort. Mittels dieser Anspielung wird uns etwas angedeutet, was
nicht geradeheraus gesagt wird, daß an der Wirkung von Bädern auch noch anderes beteiligt ist
als das in seinen Eigenschaften sich gleichbleibende Thermalwasser.
Ähnlich ist ein anderer Scherz oder Witz von Lichtenberg technisch aufzulösen: Ein Mädchen,
kaum zwölf Moden alt. Das klingt an die Zeitbestimmung »zwölf Monden« (i. e. Monate) an und
war vielleicht ursprünglich ein Schreibfehler für letzteren, in der Poesie zulässigen Ausdruck.
Aber es hat einen guten Sinn, die wechselnde Mode anstatt des wechselnden Mondes zur
Altersbestimmung für ein weibliches Wesen zu verwenden.
Der Zusammenhang kann in der Gleichheit bis auf eine einzige leichte Modifikation bestehen.
Diese Technik läuft also wiederum einer Worttechnik parallel. Beide Arten von Witzen rufen fast
den gleichen Eindruck hervor, doch sind sie nach den Vorgängen bei der Witzarbeit besser
voneinander zu trennen.
Als Beispiel eines solchen Wortwitzes oder Kalauers: Die große, aber nicht nur durch den
Umfang ihrer Stimme berühmte Sängerin Marie Wilt erfuhr die Kränkung, daß man den Titel
eines aus dem bekannten Roman von J. Verne gezogenen Theaterstückes zu einer Anspielung auf
ihre Mißgestalt verwendete: »Die Reise um die Wilt in 80 Tagen.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin