Page - 976 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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gelten können:
»Ein großes Licht war der Mann eben nicht, aber ein großer Leuchter … Er war Professor der
Philosophie.«
Einen Gelehrten ein großes Licht, ein lumen mundi zu heißen, ist längst kein wirksamer
Vergleich mehr, mag er ursprünglich als Witz gewirkt haben oder nicht. Aber man frischt den
Vergleich auf, man gibt ihm seine Vollkraft wieder, indem man eine Modifikation aus ihm
ableitet und solcherart einen zweiten, neuen Vergleich aus ihm gewinnt. Die Art, wie der zweite
Vergleich entstanden ist, scheint die Bedingung des Witzes zu enthalten, nicht die beiden
Vergleiche selbst. Es wäre dies ein Fall der nämlichen Witztechnik wie im Beispiele von der
Fackel.
Aus einem anderen, aber ähnlich zu beurteilenden Grunde erscheint folgender Vergleich als
witzig:
»Ich sehe die Rezensionen als eine Art von Kinderkrankheit an, die die neugeborenen Bücher
mehr oder weniger befällt. Man hat Exempel, daß die gesündesten daran sterben und die
schwächlichen oft durchkommen. Manche bekommen sie gar nicht. Man hat oft versucht, ihnen
durch Amulette von Vorrede und Dedikation vorzubeugen oder sie gar durch eigene Urteile zu
makulieren; es hilft aber nicht immer.«
Der Vergleich der Rezensionen mit den Kinderkrankheiten ist zuerst nur auf das Befallenwerden,
kurz nachdem sie das Licht der Welt erblickt haben, gegründet. Ob er soweit witzig ist, getraue
ich mich nicht zu entscheiden. Aber dann wird er fortgeführt: es ergibt sich, daß die weiteren
Schicksale der neuen Bücher innerhalb des Rahmens des nämlichen Gleichnisses oder durch
angelehnte Gleichnisse dargestellt werden können. Solche Fortsetzung einer Vergleichung ist
unzweifelhaft witzig, aber wir wissen bereits, dank welcher Technik sie so erscheint; es ist ein
Fall von Unifizierung, Herstellung eines ungeahnten Zusammenhanges. Der Charakter der
Unifizierung wird aber dadurch nicht geändert, daß dieselbe hier in der Anreihung an ein erstes
Gleichnis besteht.
Bei einer Reihe anderer Vergleichungen ist man versucht, den unleugbar vorliegenden witzigen
Eindruck auf ein anderes Moment zu schieben, welches wiederum mit der Natur des Gleichnisses
an sich nichts zu tun hat. Es sind dies Vergleichungen, die eine auffällige Zusammenstellung, oft
eine absurd klingende Vereinigung enthalten oder sich durch eine solche als Ergebnis des
Vergleiches ersetzen. Die Mehrzahl der Lichtenbergschen Beispiele gehören dieser Gruppe an.
»Es ist schade, daß man bei Schriftstellern die gelehrten Eingeweide nicht sehen kann, um zu
erforschen, was sie gegessen haben.« »Die gelehrten Eingeweide«, das ist eine verblüffende,
eigentlich absurde Attribuierung, die sich erst durch die Vergleichung aufklärt. Wie wäre es,
wenn der witzige Eindruck dieses Vergleiches ganz und voll auf den verblüffenden Charakter
dieser Zusammenstellung zurückginge? Dies entspräche einem der uns gut bekannten Mittel des
Witzes, der Darstellung durch Widersinn.
Lichtenberg hat dieselbe Vergleichung der Aufnahme von Lese- und Lernstoff mit der Aufnahme
von physischer Nahrung auch zu einem anderen Witz verwendet:
»Er hielt sehr viel vom Lernen auf der Stube und war also gänzlich für gelehrte Stallfütterung.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin