Page - 979 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ein Vergleich auch an sich witzig sein mag, ohne daß dieser Eindruck auf eine Komplikation mit
einer der bekannten Witztechniken zu beziehen wäre. Es entgeht uns aber dann völlig, wodurch
der witzige Charakter des Gleichnisses bestimmt ist, da er gewiß nicht am Gleichnis als
Ausdrucksform des Gedankens oder an der Operation des Vergleichens haftet. Wir können nicht
anders als das Gleichnis unter die Arten der »indirekten Darstellung« aufnehmen, deren sich die
Witztechnik bedient, und müssen das Problem unerledigt lassen, das uns beim Gleichnis weit
deutlicher als bei den früher behandelten Mitteln des Witzes entgegengetreten ist. Es muß wohl
auch seinen besonderen Grund haben, wenn uns die Entscheidung, ob etwas ein Witz ist oder
nicht, beim Gleichnis mehr Schwierigkeiten bereitet als bei anderen Ausdrucksformen.
Einen Grund aber, uns zu beklagen, daß diese erste Untersuchung ergebnislos verlaufen sei,
bietet uns auch diese Lücke in unserem Verständnis nicht. Bei dem intimen Zusammenhang, den
wir den verschiedenen Eigenschaften des Witzes zuzuschreiben bereit sein mußten, wäre es
unvorsichtig gewesen zu erwarten, wir könnten eine Seite des Problems voll aufklären, ehe wir
noch einen Blick auf die anderen geworfen haben. Wir werden das Problem nun wohl an anderer
Stelle angreifen müssen.
Sind wir sicher, daß keine der möglichen Techniken des Witzes unserer Untersuchung entgangen
ist? Das wohl nicht, aber wir können uns bei fortgesetzter Prüfung an neuem Material
überzeugen, daß wir die häufigsten und wichtigsten technischen Mittel der Witzarbeit
kennengelernt haben, zum mindesten so viel, als zur Schöpfung eines Urteils über die Natur
dieses psychischen Vorganges erfordert wird. Ein solches Urteil steht gegenwärtig noch aus;
hingegen sind wir in den Besitz einer wichtigen Anzeige gelangt, von welcher Richtung wir eine
weitere Aufklärung des Problems zu erwarten haben. Die interessanten Vorgänge der
Verdichtung mit Ersatzbildung, die wir als den Kern der Technik des Wortwitzes erkannt haben,
wiesen uns auf die Traumbildung hin, in deren Mechanismus die nämlichen psychischen
Vorgänge aufgedeckt worden sind. Eben dahin weisen aber auch die Techniken des
Gedankenwitzes, die Verschiebung, die Denkfehler, der Widersinn, die indirekte Darstellung, die
Darstellung durchs Gegenteil, die samt und sonders in der Technik der Traumarbeit
wiederkehren. Der Verschiebung verdankt der Traum das befremdende Ansehen, das uns abhält,
in ihm die Fortsetzung unserer Wachgedanken zu erkennen; die Verwendung von Widersinn und
Absurdität im Traum hat ihn die Würde eines psychischen Produkts gekostet und hat die Autoren
verleitet, Zerfall der geistigen Tätigkeiten, Sistierung von Kritik, Moral und Logik als
Bedingungen der Traumbildung anzunehmen. Die Darstellung durchs Gegenteil ist im Traum so
gebräuchlich, daß selbst die populären, gänzlich irregehenden Traumdeutungsbücher mit ihr zu
rechnen pflegen; die indirekte Darstellung, der Ersatz des Traumgedankens durch eine
Anspielung, ein Kleines, eine dem Gleichnis analoge Symbolik, ist gerade das, was die
Ausdrucksweise des Traumes von der unseres wachen Denkens unterscheidet[29]. Eine so
weitgehende Übereinstimmung wie die zwischen den Mitteln der Witzarbeit und denen der
Traumarbeit wird kaum eine zufällige sein können. Diese Übereinstimmung ausführlich
nachzuweisen und ihrer Begründung nachzuspüren wird eine unserer späteren Aufgaben werden.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin