Page - 983 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ein Mädchen, welches während seiner Toilette die Ankündigung eines Besuches erhält, klagt:
»Ach wie schade, gerade wenn man am anziehendsten ist, darf man sich nicht sehen lassen.«[31]
Da mir aber Bedenken aufsteigen, ob ich diesen Witz für einen tendenzlosen auszugeben das
Recht habe, ersetze ich ihn durch einen anderen, herzlich einfältigen, der von solcher
Einwendung frei sein dürfte.
In einem Hause, wo ich zu Gast geladen bin, wird zum Schluß der Mahlzeit die Roulard genannte
Mehlspeise gereicht, deren Herstellung einiges Geschick bei der Köchin voraussetzt. »Zu Hause
gemacht?« fragt darum einer der Gäste, und der Hausherr antwortet: »Ja, gewiß, ein
Home-Roulard« (Home Rule).
Wir wollen diesmal nicht die Technik des Witzes untersuchen, sondern gedenken unsere
Aufmerksamkeit einem anderen, dem wichtigsten Momente zwar, zuzuwenden. Das Anhören
dieses improvisierten Witzes bereitete den Anwesenden ein – von mir klar erinnertes –
Vergnügen und machte uns lachen. In diesem wie in ungezählten anderen Fällen kann die
Lustempfindung des Hörers nicht von der Tendenz und nicht vom Gedankeninhalt des Witzes
herrühren; es bleibt nichts übrig, als diese Lustempfindung mit der Technik des Witzes in
Zusammenhang zu bringen. Die von uns vorhin beschriebenen technischen Mittel des Witzes –
die Verdichtung, Verschiebung, indirekte Darstellung usw. – haben also das Vermögen, beim
Hörer eine Lustempfindung hervorzurufen, wenngleich wir noch gar nicht einsehen können, wie
ihnen dies Vermögen zukommen mag. Auf so leichte Art gewinnen wir den zweiten Satz zur
Aufklärung des Witzes; der erste lautete (S. 21), daß der Charakter des Witzes an der
Ausdrucksform hängt. Besinnen wir uns noch, daß der zweite Satz uns eigentlich nichts Neues
gelehrt hat. Er isoliert nur, was bereits in einer früher von uns gemachten Erfahrung enthalten
war. Wir erinnern ja, wenn es gelang, den Witz zu reduzieren, d. h. mit sorgfältiger Erhaltung des
Sinnes dessen Ausdruck durch einen anderen zu ersetzen, so war damit nicht nur der
Witzcharakter, sondern auch der Lacheffekt, also das Vergnügen am Witze, aufgehoben.
Wir können hier nicht weitergehen, ohne uns vorerst mit unseren philosophischen Autoritäten
auseinanderzusetzen.
Die Philosophen, welche den Witz dem Komischen zurechnen und das Komische selbst in der
Ästhetik abhandeln, charakterisieren das ästhetische Vorstellen durch die Bedingung, daß wir
dabei nichts von und mit den Dingen wollen, die Dinge nicht brauchen, um eines unserer großen
Lebensbedürfnisse zu befriedigen, sondern uns mit der Betrachtung derselben und dem Genuß
der Vorstellung begnügen. »Dieser Genuß, diese Vorstellungsart ist die rein ästhetische, die nur
in sich beruht, nur in sich ihren Zweck hat und keine anderen Lebenszwecke erfüllt« (K. Fischer).
Wir setzen uns nun kaum in Widerspruch mit diesen Worten K. Fischers, übersetzen vielleicht
nur seinen Gedanken in unsere Ausdrucksweise, wenn wir hervorheben, daß die witzige Tätigkeit
doch keine zweck- oder ziellose genannt werden darf, da sie sich unverkennbar das Ziel gesteckt
hat, Lust beim Hörer hervorzurufen. Ich zweifle, ob wir irgend etwas zu unternehmen imstande
sind, wobei eine Absicht nicht in Betracht kommt. Wenn wir unseren seelischen Apparat gerade
nicht zur Erfüllung einer der unentbehrlichen Befriedigungen brauchen, lassen wir ihn selbst auf
Lust arbeiten, suchen wir Lust aus seiner eigenen Tätigkeit zu ziehen. Ich vermute, daß dies
überhaupt die Bedingung ist, der alles ästhetische Vorstellen unterliegt, aber ich verstehe zu
wenig von der Ästhetik, um diesen Satz durchführen zu wollen; vom Witz jedoch kann ich auf
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin