Page - 989 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Körperfehlern. Wohl aber gilt sie dafür beim Schulknaben und beim gemeinen Volk, ja auch
noch auf der Bildungsstufe gewisser kommunaler und parlamentarischer Vertreter. Und nun hat
dieser Witz des Herrn N. es auf die kunstvollste Weise ermöglicht, daß wir, erwachsene und
feinfühlige Leute, über die roten Haare des Historikers X. lachen wie die Schulknaben. Es lag
dies gewiß nicht in der Absicht des Herrn N.; aber es ist sehr zweifelhaft, ob jemand, der seinen
Witz walten läßt, dessen genaue Absicht kennen muß.
War in diesen Fällen das Hindernis für die Aggression, welches der Witz umgehen half, ein
innerliches – die ästhetische Auflehnung gegen die Schmähung –, so kann es andere Male rein
äußerlicher Natur sein. So in dem Falle, wenn Serenissimus den Fremden, dessen Ähnlichkeit mit
seiner eigenen Person ihm auffällt, fragt: War Seine Mutter einmal in der Residenz? und die
schlagfertige Antwort darauf lautet: Nein, aber mein Vater. Der Gefragte möchte gewiß den
Frechen niederschlagen, der es wagt, durch solche Anspielung dem Andenken der geliebten
Mutter Schmach anzutun; aber dieser Freche ist Serenissimus, den man nicht niederschlagen,
nicht einmal beleidigen darf, wenn man diese Rache nicht mit seiner ganzen Existenz erkaufen
will. Es hieße also die Beleidigung schweigend herunterwürgen; aber zum Glück zeigt der Witz
den Weg, sie ungefährdet zu vergelten, indem man mit dem technischen Mittel der Unifizierung
die Anspielung aufnimmt und gegen den Angreifer wendet. Der Eindruck des Witzigen wird hier
so sehr von der Tendenz bestimmt, daß wir angesichts der witzigen Entgegnung zu vergessen
neigen, daß die Frage des Angreifers selbst durch Anspielung witzig ist.
Die Verhinderung der Schmähung oder beleidigenden Entgegnung durch äußere Umstände ist ein
so häufiger Fall, daß der tendenziöse Witz mit ganz besonderer Vorliebe zur Ermöglichung der
Aggression oder der Kritik gegen Höhergestellte, die Autorität in Anspruch nehmen, verwendet
wird. Der Witz stellt dann eine Auflehnung gegen solche Autorität, eine Befreiung von dem
Drucke derselben dar. In diesem Moment liegt ja auch der Reiz der Karikatur, über welche wir
selbst dann lachen, wenn sie schlecht geraten ist, bloß weil wir ihr die Auflehnung gegen die
Autorität als Verdienst anrechnen.
Wenn wir im Auge behalten, daß der tendenziöse Witz sich so sehr zum Angriff auf Großes,
Würdiges und Mächtiges eignet, das durch innerliche Hemmungen oder äußerliche Umstände
gegen direkte Herabsetzung geschützt ist, so werden wir zu einer besonderen Auffassung
gewisser Gruppen von Witzen gedrängt, die sich mit minderwertigen und ohnmächtigen
Personen abzugeben scheinen. Ich meine die Heiratsvermittlergeschichten, von denen wir
einzelne bei der Untersuchung der mannigfaltigen Techniken des Gedankenwitzes kennengelernt
haben. In einigen derselben, z.
B. in den Beispielen »Taub ist sie auch« und »Wer borgt denn den
Leuten was!« ist der Vermittler als ein unvorsichtiger und gedankenloser Mensch verlacht
worden, der dadurch komisch wird, daß ihm die Wahrheit gleichsam automatisch entwischt. Aber
reimt sich einerseits das, was wir von der Natur des tendenziösen Witzes erfahren haben, und
anderseits die Größe unseres Wohlgefallens an diesen Geschichten mit der Armseligkeit der
Personen zusammen, über die der Witz zu lachen scheint? Sind das des Witzes würdige Gegner?
Geht es nicht vielmehr so zu, daß der Witz die Vermittler nur vorschiebt, um etwas
Bedeutsameres zu treffen, daß er, wie das Sprichwort sagt, auf den Sack schlägt, während er den
Esel meint? Diese Auffassung ist wirklich nicht abzuweisen.
Die obige Deutung der Vermittlergeschichten läßt eine Fortsetzung zu. Es ist wahr, daß ich auf
dieselbe nicht einzugehen brauche, daß ich mich begnügen kann, in diesen Geschichten
»Schwanke« zu sehen und ihnen den Charakter des Witzes abzusprechen. Eine solche subjektive
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin