Page - 990 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Bedingtheit des Witzes besteht also auch; wir sind jetzt auf sie aufmerksam geworden und
werden sie späterhin untersuchen müssen. Sie besagt, daß nur das ein Witz ist, was ich als einen
Witz gelten lasse. Was für mich ein Witz ist, kann für einen anderen bloß eine komische
Geschichte sein. Gestattet aber ein Witz diesen Zweifel, so kann es nur daher rühren, daß er eine
Schauseite, eine – in unseren Fällen komische – Fassade hat, an welcher sich der Blick des einen
ersättigt, während ein anderer versuchen kann, hinter dieselbe zu spähen. Der Verdacht darf auch
rege werden, daß diese Fassade dazu bestimmt ist, den prüfenden Blick zu blenden, daß solche
Geschichten also etwas zu verbergen haben.
Jedenfalls, wenn unsere Vermittlergeschichten Witze sind, so sind sie um so bessere Witze, weil
sie dank ihrer Fassade imstande sind zu verbergen, nicht nur, was sie zu sagen haben, sondern
auch, daß sie etwas – Verbotenes – zu sagen haben. Die Fortsetzung der Deutung aber, welche
dies Verborgene aufdeckt und diese Geschichten mit komischer Fassade als tendenziöse Witze
entlarvt, wäre folgende: Jeder, der sich die Wahrheit so in einem unbewachten Moment
entschlüpfen läßt, ist eigentlich froh darüber, daß er der Verstellung ledig wird. Das ist eine
richtige und tiefreichende psychologische Einsicht. Ohne solche innerliche Zustimmung läßt sich
niemand von dem Automatismus, der hier die Wahrheit an den Tag bringt, übermannen[34].
Hiemit wandelt sich aber die lächerliche Person des Schadchen in eine bedauernswert
sympathische. Wie selig muß der Mann sein, die Last der Verstellung endlich abwerfen zu
können, wenn er sofort die erste Gelegenheit benützt, um das letzte Stück der Wahrheit
herauszuschreien! Sowie er merkt, daß die Sache verloren ist, daß die Braut dem jungen Manne
nicht gefällt, verrät er gern, daß sie noch einen versteckten Fehler hat, der jenem nicht aufgefallen
ist, oder er bedient sich des Anlasses, ein für ein Detail entscheidendes Argument anzuführen, um
dabei den Leuten, in deren Dienst er arbeitet, seine Verachtung auszudrücken: Ich bitt’ Sie, wer
borgt denn den Leuten was! Die ganze Lächerlichkeit fällt nun auf die in der Geschichte nur
gestreiften Eltern, die solchen Schwindel für gestattet halten, um nur ihre Töchter an den Mann
zu bringen, auf die Erbärmlichkeit der Mädchen, die sich unter solchen Veranstaltungen
verheiraten lassen, auf die Unwürdigkeit der Ehen, die nach solchen Einleitungen geschlossen
werden. Der Vermittler ist der richtige Mann, der solche Kritik zum Ausdruck bringen darf, denn
er weiß am meisten von diesen Mißbräuchen, er darf sie aber nicht laut verkünden, denn er ist ein
armer Mann, der gerade nur von deren Ausnützung leben kann. In einem ähnlichen Konflikt
befindet sich aber auch der Volksgeist, der diese und ähnliche Geschichten geschaffen hat; denn
er weiß, die Heiligkeit der geschlossenen Ehen leidet arg durch den Hinweis auf die Vorgänge
bei der Eheschließung.
Erinnern wir uns auch der Bemerkung bei der Untersuchung der Witztechnik, daß Widersinn im
Witz häufig Spott und Kritik in dem Gedanken hinter dem Witz ersetze, worin es die Witzarbeit
übrigens der Traumarbeit gleichtut; wir finden diesen Sachverhalt hier von neuem bestätigt. Daß
Spott und Kritik nicht der Person des Vermittlers gelten, der in den vorigen Beispielen nur als der
Prügelknabe des Witzes auftritt, wird durch eine andere Reihe von Witzen erwiesen, in denen der
Vermittler ganz im Gegenteile als überlegene Person gezeichnet ist, deren Dialektik sich jeder
Schwierigkeit gewachsen erweist. Es sind Geschichten mit logischer anstatt der komischen
Fassade, sophistische Gedankenwitze. In einer derselben (S. 61 f.) weiß der Vermittler den Fehler
der Braut, daß sie hinkt, hinwegzudisputieren. Es sei wenigstens eine »fertige Sache«, eine
andere Frau mit geraden Gliedern sei hingegen in beständiger Gefahr, hinzufallen und sich ein
Bein zu brechen, und dann kämen die Krankheit, die Schmerzen, die Behandlungskosten, die
man sich bei der bereits Hinkenden erspare. Oder in einer anderen Geschichte weiß er eine ganze
Reihe von Ausstellungen des Bewerbers an der Braut, jede einzeln mit guten Argumenten,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin