Page - 991 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zurückzuweisen, um ihm dann bei der letzten, unbeschönbaren, entgegenzuhalten: Was wollen
Sie, gar kein’ Fehler soll sie haben?, als ob von den früheren Einwendungen nicht doch ein
notwendiger Rest übriggeblieben wäre. Es ist nicht schwer, bei beiden Beispielen die schwache
Stelle in der Argumentation nachzuweisen; wir haben dies auch bei der Untersuchung der
Technik getan. Aber nun interessiert uns etwas anderes. Wenn der Rede des Vermittlers so
starker logischer Schein geliehen wird, der sich bei sorgfältiger Prüfung als Schein zu erkennen
gibt, so ist die Wahrheit dahinter, daß der Witz dem Vermittler recht gibt; der Gedanke getraut
sich nicht, ihm ernsthaft recht zu geben, ersetzt diesen Ernst durch den Schein, den der Witz
vorbringt, aber der Scherz verrät hier wie so häufig den Ernst. Wir werden nicht irregehen, wenn
wir von all den Geschichten mit logischer Fassade annehmen, daß sie das wirklich meinen, was
sie mit absichtlich fehlerhafter Begründung behaupten. Erst diese Verwendung des Sophismas
zur versteckten Darstellung der Wahrheit verleiht ihm den Charakter des Witzes, der also
hauptsächlich von der Tendenz abhängt. Was in beiden Geschichten angedeutet werden soll, ist
nämlich, daß der Bewerber sich wirklich lächerlich macht, wenn er die einzelnen Vorzüge der
Braut so sorgsam zusammensucht, die doch alle hinfällig sind, und wenn er dabei vergißt, daß er
vorbereitet sein muß, ein Menschenkind mit unvermeidlichen Fehlern zu seinem Weibe zu
machen, während doch die einzige Eigenschaft, welche die Ehe mit der mehr oder minder
mangelhaften Persönlichkeit der Frau erträglich machen würde, die gegenseitige Zuneigung und
Bereitwilligkeit zur liebevollen Anpassung wäre, von der bei dem ganzen Handel nicht die Rede
ist.
Die in diesen Beispielen enthaltene Verspottung des Ehewerbers, bei welcher nun der Vermittler
ganz passend die Rolle des Überlegenen spielt, wird in anderen Geschichten weit deutlicher zum
Ausdruck gebracht. Je deutlicher diese Geschichten sind, desto weniger von Witztechnik
enthalten sie; sie sind gleichsam nur Grenzfälle des Witzes, mit dessen Technik sie nur mehr die
Fassadenbildung gemeinsam haben. Infolge der gleichen Tendenz und des Versteckens derselben
hinter der Fassade kommt ihnen aber die volle Wirkung des Witzes zu. Die Armut an technischen
Mitteln läßt außerdem verstehen, daß viele Witze dieser Art das komische Element des Jargons,
das ähnlich der Witztechnik wirkt, nicht ohne starke Einbuße entbehren können.
Eine solche Geschichte, die bei aller Kraft des tendenziösen Witzes nichts mehr von dessen
Technik erkennen läßt, ist die folgende: Der Vermittler fragt: »Was verlangen Sie von Ihrer
Braut?« – Antwort: »Schön muß sie sein, reich muß sie sein und gebildet.« – »Gut«, sagt der
Vermittler, »aber daraus mach’ ich drei Partien.« Hier wird der Verweis dem Manne direkt
erteilt, nicht mehr in der Einkleidung eines Witzes.
In den bisherigen Beispielen richtete sich die verhüllte Aggression noch gegen Personen, in den
Vermittlerwitzen gegen alle Parteien, die an dem Handel der Eheschließung beteiligt sind: Braut,
Bräutigam und deren Eltern. Die Angriffsobjekte des Witzes können aber ebensowohl
Institutionen sein, Personen, insoferne sie Träger derselben sind, Satzungen der Moral oder der
Religion, Lebensanschauungen, die ein solches Ansehen genießen, daß der Einspruch gegen sie
nicht anders als in der Maske eines Witzes, und zwar eines durch seine Fassade gedeckten Witzes
auftreten kann. Mögen der Themata wenige sein, auf die dieser tendenziöse Witz abzielt, seine
Formen und Einkleidungen sind äußerst mannigfaltig. Ich glaube, wir tun recht, diese Gattung
von tendenziösem Witz durch einen besonderen Namen auszuzeichnen. Welcher Name der
geeignete ist, wird sich ergeben, nachdem wir einige Beispiele dieser Gattung gedeutet haben.
Ich erinnere an die beiden Geschichten vom verarmten Gourmand, der bei »Lachs mit
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin