Page - 992 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Mayonnaise« betroffen wird, und vom trunksüchtigen Lehrer, die wir als sophistische
Verschiebungswitze kennengelernt haben, und führe deren Deutung fort. Wir haben seitdem
gehört, daß, wenn der Schein der Logik an die Fassade einer Geschichte geheftet ist, der Gedanke
wohl im Ernst sagen möchte: Der Mann hat recht, des entgegenstehenden Widerspruches wegen
aber sich nicht getraut, dem Manne anders recht zu geben als in einem Punkte, in dem sein
Unrecht leicht nachzuweisen ist. Die gewählte »Pointe« ist das richtige Kompromiß zwischen
seinem Recht und seinem Unrecht, was freilich keine Entscheidung ist, aber wohl dem Konflikt
in uns selbst entspricht. Die beiden Geschichten sind einfach epikureisch, sie sagen: Ja, der Mann
hat recht, es gibt nichts Höheres als den Genuß, und es ist ziemlich gleichgültig, auf welche Art
man sich ihn verschafft. Das klingt furchtbar unmoralisch und ist wohl auch nicht viel besser,
aber im Grunde ist es nichts anderes als das »Carpe diem« des Poeten, der sich auf die
Unsicherheit des Lebens und auf die Unfruchtbarkeit der tugendhaften Entsagung beruft. Wenn
die Idee, daß der Mann im Witz von »Lachs mit Mayonnaise« recht haben soll, auf uns so
abstoßend wirkt, so rührt dies nur von der Illustration der Wahrheit an einem Genuß niedrigster
Art, der uns sehr entbehrlich scheint, her. In Wirklichkeit hat jeder von uns Stunden und Zeiten
gehabt, in denen er dieser Lebensphilosophie ihr Recht zugestanden und der Morallehre
vorgehalten hat, daß sie nur zu fordern verstand, ohne zu entschädigen. Seitdem die Anweisung
auf das Jenseits, in dem sich alle Entsagung durch Befriedigung lohnen soll, von uns nicht mehr
geglaubt wird – es gibt übrigens sehr wenig Fromme, wenn man die Entsagung zum Kennzeichen
des Glaubens macht –, seitdem wird das »Carpe diem« zur ernsten Mahnung. Ich will die
Befriedigung gern aufschieben, aber weiß ich denn, ob ich morgen noch dasein werde?
»Di doman’ non c’è certezza.«[35]
Ich will gern auf alle von der Gesellschaft verpönten Wege der Befriedigung verzichten, aber bin
ich sicher, daß mir die Gesellschaft diese Entsagung lohnen wird, indem sie mir – wenn auch mit
einem gewissen Aufschub – einen der erlaubten Wege öffnet? Es läßt sich laut sagen, was diese
Witze flüstern, daß die Wünsche und Begierden des Menschen ein Recht haben, sich vernehmbar
zu machen neben der anspruchsvollen und rücksichtslosen Moral, und es ist in unseren Tagen in
nachdrücklichen und packenden Sätzen gesagt worden, daß diese Moral nur die eigennützige
Vorschrift der wenigen Reichen und Mächtigen ist, welche jederzeit ohne Aufschub ihre
Wünsche befriedigen können. Solange die Heilkunst es nicht weitergebracht hat, unser Leben zu
sichern, und solange die sozialen Einrichtungen nicht mehr dazu tun, es erfreulicher zu gestalten,
so lange kann die Stimme in uns, die sich gegen die Moralanforderungen auflehnt, nicht erstickt
werden. Jeder ehrliche Mensch wird wenigstens bei sich dieses Zugeständnis endlich machen.
Die Entscheidung in diesem Konflikt ist erst auf dem Umwege über eine neue Einsicht möglich.
Man muß sein Leben so an das anderer knüpfen, sich so innig mit anderen identifizieren können,
daß die Verkürzung der eigenen Lebensdauer überwindbar wird, und man darf die Forderungen
der eigenen Bedürfnisse nicht unrechtmäßig erfüllen, sondern muß sie unerfüllt lassen, weil nur
der Fortbestand so vieler unerfüllter Forderungen die Macht entwickeln kann, die
gesellschaftliche Ordnung abzuändern. Aber nicht alle persönlichen Bedürfnisse lassen sich in
solcher Art verschieben und auf andere übertragen, und eine allgemein- und endgültige Lösung
des Konflikts gibt es nicht.
Wir wissen nun, wie wir Witze wie die letztgedeuteten zu benennen haben; es sind zynische
Witze, was sie verhüllen, sind Zynismen.
Unter den Institutionen, die der zynische Witz anzugreifen pflegt, ist keine wichtiger,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin