Page - 993 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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eindringlicher durch Moralvorschriften geschützt, aber dennoch zum Angriff einladender als das
Institut der Ehe, dem also auch die meisten zynischen Witze gelten. Kein Anspruch ist ja
persönlicher als der auf sexuelle Freiheit, und nirgends hat die Kultur eine stärkere
Unterdrückung zu üben versucht als auf dem Gebiete der Sexualität. Für unsere Absichten mag
ein einziges Beispiel genügen, die auf S. 76 erwähnte »Eintragung in das Stammbuch des Prinzen
Karneval«: »Eine Frau ist wie ein Regenschirm – man nimmt sich dann doch einen
Komfortabel.«
Die komplizierte Technik dieses Beispiels haben wir bereits erörtert: ein verblüffender,
anscheinend unmöglicher Vergleich, der aber, wie wir jetzt sehen, an sich nicht witzig ist, ferner
eine Anspielung (Komfortabel = öffentliches Fuhrwerk) und als stärkstes technisches Mittel eine
die Unverständlichkeit erhöhende Auslassung. Die Vergleichung wäre in folgender Art
auszuführen: Man heiratet, um sich gegen die Anfechtungen der Sinnlichkeit zu sichern, und
dann stellt sich doch heraus, daß die Ehe keine Befriedigung eines etwas stärkeren Bedürfnisses
gestattet, geradeso wie man einen Regenschirm mitnimmt, um sich gegen den Regen zu schützen,
und dann im Regen doch naß wird. In beiden Fällen muß man sich um stärkeren Schutz umsehen,
hier öffentliches Fuhrwerk, dort für Geld zugängliche Frauen nehmen. Jetzt ist der Witz fast
völlig durch Zynismus ersetzt. Daß die Ehe nicht die Veranstaltung ist, die Sexualität des Mannes
zu befriedigen, getraut man sich nicht laut und öffentlich zu sagen, wenn man nicht etwa von der
Wahrheitsliebe und dem Reformeifer eines Christian v. Ehrenfels[36] dazu gedrängt wird. Die
Stärke dieses Witzes liegt nun darin, daß er es doch – auf allerlei Umwegen – gesagt hat.
Ein für den tendenziösen Witz besonders günstiger Fall wird hergestellt, wenn die beabsichtigte
Kritik der Auflehnung sich gegen die eigene Person richtet, vorsichtiger ausgedrückt, eine
Person, an der die eigene Anteil hat, eine Sammelperson also, das eigene Volk zum Beispiel.
Diese Bedingung der Selbstkritik mag uns erklären, daß gerade auf dem Boden des jüdischen
Volkslebens eine Anzahl der trefflichsten Witze erwachsen sind, von denen wir ja hier reichliche
Proben gegeben haben. Es sind Geschichten, die von Juden geschaffen und gegen jüdische
Eigentümlichkeiten gerichtet sind. Die Witze, die von Fremden über Juden gemacht werden, sind
zu allermeist brutale Schwänke, in denen der Witz durch die Tatsache erspart wird, daß der Jude
den Fremden als komische Figur gilt. Auch die Judenwitze, die von Juden herrühren, geben dies
zu, aber sie kennen ihre wirklichen Fehler wie deren Zusammenhang mit ihren Vorzügen, und
der Anteil der eigenen Person an dem zu Tadelnden schafft die sonst schwierig herzustellende
subjektive Bedingung der Witzarbeit. Ich weiß übrigens nicht, ob es sonst noch häufig
vorkommt, daß sich ein Volk in solchem Ausmaß über sein eigenes Wesen lustig macht.
Als Beispiel hiefür kann ich auf die S. 78 erwähnte Geschichte hinweisen, wie ein Jude in der
Eisenbahn sofort alle Dezenz des Betragens aufgibt, nachdem er den Ankömmling im Coupé als
Glaubensgenossen erkannt hat. Wir haben diesen Witz als Beleg für die Veranschaulichung durch
ein Detail, Darstellung durch ein Kleinstes, kennengelernt; er soll die demokratische Denkungsart
der Juden schildern, die keinen Unterschied von Herren und Knechten anerkennt, aber leider auch
Disziplin und Zusammenwirken stört. Eine andere, besonders interessante Reihe von Witzen
schildert die Beziehungen der armen und der reichen Juden zueinander; ihre Helden sind der
»Schnorrer« und der mildtätige Hausherr oder der Baron. Der Schnorrer, der alle Sonntage in
demselben Haus als Gast zugelassen wird, erscheint eines Tages in Begleitung eines unbekannten
jungen Mannes, der Miene macht, sich mit zu Tische zu setzen. Wer ist das? fragt der Hausherr
und erhält die Antwort: Das ist mein Schwiegersohn seit voriger Woche; ich hab’ ihm die Kost
versprochen das erste Jahr. Die Tendenz dieser Geschichten ist stets die nämliche; sie wird in
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin