Page - 999 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 999 -
Text of the Page - 999 -
behaupten, daß zur Herstellung wie zur Erhaltung einer psychischen Hemmung ein »psychischer
Aufwand« erfordert wird. Ergibt sich nun, daß in beiden Fällen der Verwendung des
tendenziösen Witzes Lust erzielt wird, so liegt es nahe anzunehmen, daß solcher Lustgewinn dem
ersparten psychischen Aufwand entspreche.
Somit wären wir wiederum auf das Prinzip der Ersparung gestoßen, dem wir zuerst bei der
Technik des Wortwitzes begegnet sind. Während wir aber zunächst die Ersparung in dem
Gebrauch von möglichst wenig oder möglichst den gleichen Worten zu finden glaubten, ahnt uns
hier der weit umfassendere Sinn einer Ersparung an psychischem Aufwand überhaupt, und wir
müssen es für möglich halten, durch nähere Bestimmung des noch sehr unklaren Begriffes
»psychischer Aufwand« dem Wesen des Witzes näherzukommen.
Eine gewisse Unklarheit, die wir bei der Behandlung des Lustmechanismus beim tendenziösen
Witze nicht überwinden konnten, nehmen wir als billige Strafe dafür, daß wir versucht haben, das
Kompliziertere vor dem Einfacheren, den tendenziösen Witz vor dem harmlosen aufzuklären.
Wir merken uns, daß »Ersparung an Hemmungs- oder Unterdrückungsaufwand« das Geheimnis
der Lustwirkung des tendenziösen Witzes zu sein schien, und wenden uns dem Mechanismus der
Lust beim harmlosen Witze zu.
Aus geeigneten Beispielen harmlosen Witzes, bei denen keine Störung unseres Urteils durch
Inhalt oder Tendenz zu befürchten stand, mußten wir den Schluß ziehen, daß die Techniken des
Witzes selbst Lustquellen sind, und wollen nun prüfen, ob sich diese Lust etwa auf Ersparung an
psychischem Aufwand zurückführen lasse. In einer Gruppe dieser Witze (den Wortspielen)
bestand die Technik darin, unsere psychische Einstellung auf den Wortklang anstatt auf den Sinn
des Wortes zu richten, die (akustische) Wortvorstellung selbst an Stelle ihrer durch Relationen zu
den Dingvorstellungen gegebenen Bedeutung treten zu lassen. Wir dürfen wirklich vermuten, daß
damit eine große Erleichterung der psychischen Arbeit gegeben ist und daß wir uns bei der
ernsthaften Verwendung der Worte durch eine gewisse Anstrengung von diesem bequemen
Verfahren abhalten müssen. Wir können beobachten, daß krankhafte Zustände der Denktätigkeit,
in denen die Möglichkeit, psychischen Aufwand auf eine Stelle zu konzentrieren, wahrscheinlich
eingeschränkt ist, tatsächlich die Wortklangvorstellung solcher Art gegen die Wortbedeutung in
den Vordergrund rücken lassen und daß solche Kranke in ihren Reden nach den »äußeren«
anstatt nach den »inneren« Assoziationen der Wortvorstellung, wie die Formel lautet,
fortschreiten. Auch beim Kinde, welches ja die Worte noch als Dinge zu behandeln gewohnt ist,
bemerken wir die Neigung, hinter gleichem oder ähnlichem Wortlaut gleichen Sinn zu suchen,
die zur Quelle vieler von den Erwachsenen belachter Irrtümer wird. Wenn es uns dann im Witz
ein unverkennbares Vergnügen bereitet, durch den Gebrauch des nämlichen Wortes oder eines
ihm ähnlichen aus dem einen Vorstellungskreis in einen anderen, entfernten zu gelangen (wie bei
Home-Roulard aus dem der Küche in den der Politik), so ist dies Vergnügen wohl mit Recht auf
die Ersparung an psychischem Aufwand zurückzuführen. Die Witzeslust aus solchem
»Kurzschluß« scheint auch um so größer zu sein, je fremder die beiden durch das gleiche Wort in
Verbindung gebrachten Vorstellungskreise einander sind, je weiter ab sie voneinander liegen, je
größer also die Ersparung an Gedankenweg durch das technische Mittel des Witzes ausfällt.
Merken wir übrigens an, daß sich der Witz hier eines Mittels der Verknüpfung bedient, welches
vom ernsthaften Denken verworfen und sorgfältig vermieden wird[37]
Eine zweite Gruppe technischer Mittel des Witzes – Unifizierung, Gleichklang, mehrfache
Verwendung, Modifikation bekannter Redensarten, Anspielung auf Zitate – läßt als gemeinsamen
999
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin