Page - 1000 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1000 -
Text of the Page - 1000 -
Charakter herausheben, daß jedesmal etwas Bekanntes wiedergefunden wird, wo man anstatt
dessen etwas Neues hätte erwarten können. Dieses Wiederfinden des Bekannten ist lustvoll, und
es kann uns wiederum nicht schwerfallen, solche Lust als Ersparungslust zu erkennen, auf die
Ersparung an psychischem Aufwand zu beziehen.
Daß das Wiederfinden des Bekannten, das »Wiedererkennen« lustvoll ist, scheint allgemein
zugestanden zu werden. Groos[38] sagt (S. 153): »Das Wiedererkennen ist nun überall, wo es nicht
allzusehr mechanisiert ist (wie etwa beim Ankleiden, wo …), mit Lustgefühlen verbunden. Schon
die bloße Qualität der Bekanntheit ist leicht von jenem sanften Behagen begleitet, das Faust
erfüllt, wie er nach einer unheimlichen Begegnung wieder in sein Studierzimmer tritt …« »Wenn
so der Akt des Wiedererkennens lusterregend ist, so werden wir erwarten dürfen, daß der Mensch
darauf verfällt, diese Fähigkeit um ihrer selbst willen zu üben, also spielend mit ihr zu
experimentieren. In der Tat hat Aristoteles in der Freude am Wiedererkennen die Grundlage des
Kunstgenusses erblickt, und es läßt sich nicht leugnen, daß dieses Prinzip nicht übersehen werden
darf, wenn es auch keine so weittragende Bedeutung hat, wie Aristoteles annimmt.«
Groos erörtert dann die Spiele, deren Charakter darin besteht, die Freude am Wiedererkennen
dadurch zu steigern, daß man demselben Hindernisse in den Weg legt, also eine »psychische
Stauung« herbeiführt, die mit dem Akt des Erkennens beseitigt ist. Sein Erklärungsversuch
verläßt aber die Annahme, daß das Erkennen an sich lustvoll sei, indem er das Vergnügen am
Erkennen mit Berufung auf diese Spiele auf die Freude an der Macht, an der Überwindung einer
Schwierigkeit zurückführt. Ich halte dieses letztere Moment für sekundär und sehe keinen Anlaß,
von der einfacheren Auffassung abzuweichen, daß das Erkennen an sich, d. h. durch
Erleichterung des psychischen Aufwands, lustvoll ist und daß die auf diese Lust gegründeten
Spiele sich eben nur des Stauungsmechanismus bedienen, um deren Betrag in die Höhe zu
treiben.
Daß Reim, Alliteration, Refrain und andere Formen der Wiederholung ähnlicher Wortklänge in
der Dichtung die nämliche Lustquelle, das Wiederfinden des Bekannten, ausnützen, ist gleichfalls
allgemein anerkannt. Ein »Machtgefühl« spielt bei diesen Techniken, die mit der »mehrfachen
Verwendung« beim Witze so große Übereinstimmung zeigen, keine ersichtliche Rolle.
Bei den nahen Beziehungen zwischen Erkennen und Erinnern ist die Annahme nicht mehr
gewagt, daß es auch eine Erinnerungslust gebe, d. h. daß der Akt des Erinnerns an sich von einem
Lustgefühl ähnlicher Herkunft begleitet sei. Groos scheint einer solchen Annahme nicht
abgeneigt zu sein, aber er leitet die Erinnerungslust wiederum vom »Machtgefühl« ab, in dem er
den Hauptgrund des Genusses bei fast allen Spielen – wie ich meine, mit Unrecht – sucht.
Auf dem »Wiederfinden des Bekannten« beruht auch die Verwendung eines anderen technischen
Hilfsmittels des Witzes, von dem bisher noch nicht die Rede war. Ich meine das Moment der
Aktualität, das bei sehr vielen Witzen eine ausgiebige Lustquelle darstellt und einige
Eigentümlichkeiten in der Lebensgeschichte der Witze erklärt. Es gibt Witze, die von dieser
Bedingung vollkommen frei sind, und in einer Abhandlung über den Witz sind wir genötigt, uns
fast ausschließlich solcher Beispiele zu bedienen. Wir können aber nicht vergessen, daß wir
vielleicht noch stärker als über solche perennierende Witze über andere gelacht haben, deren
Verwendung uns jetzt schwerfällt, weil sie lange Kommentare erfordern und auch mit deren
Nachhilfe die einstige Wirkung nicht erreichen würden. Diese letzteren Witze enthielten nun
Anspielungen auf Personen und Begebenheiten, die zur Zeit »aktuell« waren, das allgemeine
1000
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin